Roman

Von Tabea Weiss

Prolog

„Und, bist du schon aufgeregt?“ Eine Nachricht von Chloe. Meine beste Freundin kannte mich einfach viel zu gut. Ich grinste und griff nach dem Handy, um ihr zurück zu schreiben. „Na, was glaubst du wohl. An einem Tag wie diesem musst du mich so etwas nicht fragen – dafür kennst du mich zu gut. Wie sieht`s denn bei dir aus? Immer noch die Ruhe selbst, wie ich dich kenne...“ Mein Blick huschte zu der großen Uhr, die über meinem schwarzem Doppelbett hing und mein Herz stockte. Verdammt, wie konnte es nur so schnell so spät geworden sein. Ich griff mir ein Haargummi von meinem Nachttisch und knotete meine Haare zu einem provisorischen Dutt zusammen – das musste genügen, schließlich handelte es sich um meine Abschlussprüfung und Alles was da zählte, war mein Wissen, und nicht mein Aussehen. Ich angelte mir mein Handy vom Bett und ließ es in meiner Tasche verschwinden während ich die Treppe runter rannte.

 

Meine Mutter stand hinter der Kücheninsel mit einem Kaffee in der Hand und lauschte den Nachrichten. Ihr Blick löste sich keinen Augenblick von dem Fernseher, der im Wohnzimmer, das direkt neben der offenen Wohnküche lag, stand. „Guten Morgen, mein Schatz. Möchtest du auch einen?“, fragte sie abwesend und wedelte mit ihrer Kaffeetasse. Ich war jetzt schon zu spät dran, also schüttelte ich bloß den Kopf und griff nach einem Apfel aus der Obstschale. „Sorry, Mom. Keine Zeit, ich bin spät dran. Bis später, hab dich lieb!“, sagte ich, während ich bereits auf dem Weg zur Haustür war. „Viel Glück, Schatz!“, rief sie mir noch nach, doch ich saß längst in meinem kleinen Wagen.

 

Als ich auf dem Schulparkplatz ankam waren die meisten Plätze natürlich schon besetzt und ich fand nur noch einen, der viel zu weit weg vom Schulgelände war, als das ich noch rechtzeitig zur Prüfung erscheinen konnte. Ich stieß ein verzweifeltes Schnauben aus. Auf dem Weg ins Schulgebäude checkte ich nochmal mein Handy. Eine Nachricht von Josh und eine von Chloe. Chloe schrieb nur, dass sie sich Sorgen mache und wo ich bleibe und Josh wünschte mir alles Gute: „Ich glaub an dich, du schaffst das! Ich wollte dir das eigentlich persönlich sagen und habe vor dem Schließfach auf dich gewartet, aber du bist nicht aufgetaucht. Du bist bestimmt direkt zum Prüfungsraum...Ich liebe dich, du wirst das Ding rocken.“ Ich lächelte vor mich hin und vergaß völlig auf meinen Weg zu achten, bis mich jemand hart an der Schulter anrempelte und ich zu Boden fiel.

 

Einen kurzen Moment lang war ich zu geschockt, um überhaupt zu verstehen was gerade passiert war und dass ich mich nicht mehr länger auf meine Füßen stehend, sondern auf dem Boden liegend befand. Ich hielt mir die Hand an die Schläfe um mich zu konzentrieren und blickte auf. Vor mir stand ein Typ, der ungefähr in meinem Alter sein musste, den ich jedoch bis jetzt noch nie in unserer Schule gesehen hatte. Er hatte lockige braune Haare und unglaublich blaue ernst drein blickende Augen. Sein markantes Gesicht war besorgt verzogen, seine Stirn leicht gerunzelt.

 

 „Geht es dir gut?“, fragte er, während er sich beinahe schuldbewusst auf die Unterlippe biss. Ich riss meinen Blick von seinem Gesicht los und stand auf. „ Klar, alles bestens. Tut mir leid, dass ich in dich rein gelaufen bin. Ich war in Gedanken ganz woanders...“, stotterte ich verwirrt. Er packte mich vorsichtig am Arm, um mir hoch zu helfen und die Berührung ließ mich zusammen zucken. Ich entzog mich ihm erschrocken und blickte ihn überwältigt an. Sein Blick verfinsterte sich und er zog die Hand zurück und steckte sie in seine Hosentasche. „Na dann...“, sagte er, wandte sich mit einem knappen Nicken um und ging. Er war so schnell verschwunden und hatte mich vollkommen perplex zurückgelassen.

 

Was war das für eine seltsame Reaktion auf seine Berührung gewesen? Er hatte mir doch bloß helfen wollen...Außerdem fragte ich mich, wieso ich ihn vorher noch nie an unserer Schule oder in unserer kleinen Stadt gesehen hatte, schließlich standen wir am Ende des Schuljahres - und ich kurz vor den Abiturprüfungen. Die hatte ich vor lauter Aufregung ganz vergessen. Ich sammelte mein Handy und meine Tasche vom Boden auf und rannte los, doch der mysteriöse Junge wollte mir nicht aus dem Kopf gehen und ich nahm mir vor mich auf jeden Fall noch bei ihm für mein seltsames Verhalten zu entschuldigen.

 

1.Kapitel

Als ich aus dem Prüfungsraum trat brummte mein Kopf und ich war froh, dass ich ab nun keine weiteren Prüfungen vor mir hatte. Chloe hatte bereits früher abgegeben und wartete gemeinsam mit Josh im Flur, um mich abzufangen. „Wie ist es gelaufen?“, fragte Josh vorsichtig und zog mich in seine Arme. „Ganz gut, denke ich. Und bei dir Chloe? Du hast so früh abgegeben. Entweder warst du echt gut vorbereitet oder du hast keine Ahnung gehabt was du schreiben solltest. Ich hoffe mal ersteres ist der Fall...“, murmelte ich und ließ meinen Kopf an Joshs Brustkorb sinken. Chloe nickte nachdenklich bevor sie antwortete: „Ich hab nicht alles perfekt ausgefüllt, aber es wird schon reichen. Bestehen werde ich bestimmt, nur eben nicht mit der besten Note.“ Erleichtert seufzte ich. Keiner von uns beiden hatte Angst, die Prüfung nicht bestanden zu haben und ab jetzt begannen die allerletzten Schulferien unseres Lebens.

 

„Was haltet ihr davon, wenn wir eine Runde shoppen gehen und dann heute Abend ausgehen?“, dachte ich laut und blickte die beiden zufrieden an. Beinahe synchron nickten Josh und Chloe und schon waren die Pläne besiegelt. „Und weißt du was?“, frohlockte Josh und zog geheimniskrämerisch die linke Augenbraue hoch, „Zur Feier des Tages spendiere ich dir dein heutiges Outfit.“ Ich machte einen kleinen Freudensprung und drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange: „Wie lieb von dir, dankeschön.“ Chloe fing an zu schmollen: „Und wer spendiert mir mein Outfit?“ Ich musste schmunzeln. „Vielleicht spendiert dir Tommy nicht unbedingt dein Outfit, was man ihm auch nicht verübeln kann nach erst einem Date, aber vielleicht möchte er ja heute Abend mitkommen? Frag ihn doch mal.“ Sie schüttelte resigniert den Kopf, „Er wird eh nicht zusagen, die letzten drei Male bei denen ich ihn eingeladen habe, hat er auch abgesagt.“ „Wir haben mitten in der Prüfungsphase gesteckt. Er hatte bestimmt einfach keine Zeit bisher. Wieso hätte er sonst zugegeben, dass er dich gerne wiedersehen würde nach eurem Date – so etwas sagt man ja nicht ohne Grund.“, antwortete ich mit schüttelndem Kopf. Chloes grüne Augen hellten sich augenblicklich ein wenig auf, „Vielleicht hast du Recht...“, lächelte sie vor sich hin und drückte meine Hand. „Ich werde ihn gleich mal anrufen. Wir treffen uns dann einfach bei Cally`s, dann können wir uns noch einen Chai Latte holen bevor die große Shopping-Tour losgeht.“, und mit diesen Worten war sie auch schon hinter der nächsten Ecke verschwunden.

 

Ich blickte ihr kopfschüttelnd hinterher und musste lachen. Auch Josh sah belustigt aus und musste sich offensichtlich zusammenreißen nicht auch loszulachen. Seine Hand griff nach meiner und gemeinsam schlenderten wir Richtung Ausgang des Gebäudes auf den Parkplatz zu. „Soll ich dich später einsammeln kommen und wir fahren gemeinsam runter in die Stadt?“, fragte Josh und sah mich abwartend an. „Klar, gerne. Ich stehe dann um 15 Uhr draußen vor der Haustür, dann musst du meinen Vater nicht treffen. Sonst dauert das wieder so ewig, wenn ihr anfangt über Football zu reden.“, kicherte ich und gab ihm einen liebevollen Knuff in die Seite. Er grummelte mürrisch, doch ich wusste, dass er nicht wirklich eingeschnappt war. Ich warf ihm noch einen Luftkuss zu und setzte mich dann ins Auto.

 

Das Radio trällerte irgendeine scheußliche Musik und während ich losfuhr fummelte ich daran herum, um mein Handy zu verbinden. Als ich einen Moment hoch blickte, sah ich nur noch wie eine schwarz gekleidete Person gerade rechtzeitig einen Satz zur Seite machte. Eine Sekunde später und ich hätte denjenigen platt gefahren. Ich bremste scharf ab, zog die Handbremse an und sprang aus dem Auto. „Es tut mir unglaublich Leid, ich hab dich nicht gesehen...“, fing ich nervös an drauf los zu plappern, doch ich wurde unterbrochen, „Wohl wieder mit den Gedanken woanders gewesen, nicht wahr? Du bist wirklich eine Gefahr für alle sich frei bewegenden Lebewesen in deinem Umfeld!“, grinste der Typ, den ich beinahe umgefahren hätte und erst jetzt fiel mir auf, dass es derselbe war, den ich heute morgen schon umgerannt hatte.

 

Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und Hitze breitete sich über meine Wangen aus. Ich räusperte mich verlegen und nahm meine Hände vors Gesicht. „Du wirst doch jetzt nicht anfangen zu weinen, oder?“, fragte er erschrocken und seine tiefe Stimme hallte in meinem ganzen Körper wieder. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als seine Hände nach meinen griffen, um sie von meinem Gesicht zu nehmen. „Sieh mich an, es ist alles in Ordnung. Mir ist nichts passiert, mach dir keine Sorgen“, flüsterte er und hob mein Kinn vorsichtig mit seinem Zeigefinger an. Ich blickte in seine besorgten eisblauen Augen und hatte das Gefühl nicht wegsehen zu können. Seine Augen hielten meinen Blick gefangen und ich war mir sicher, dass er in diesem Moment bis in meine Seele hätte blicken können.

 

„Oh mein Gott, Kiley, Schatz, geht es dir gut?“, hörte ich Josh hinter mir schreien und das riss mich aus meiner Trance. Auch mein mysteriöser Gegenüber lies blitzschnell seine Hand von meinem Kinn in seine Hosentasche wandern und seine Augen wurden dunkel. Ich schluckte und wandte meinen Blick ab. Josh packte mich sanft am Arm und drehte mich um. „Ist alles in Ordnung? Was ist passiert?“, stotterte er hektisch. „Alles ist gut, Josh. Es ist nichts passiert. Ich war mit dem Radio beschäftigt und hab diesen jungen Mann hier übersehen, aber Gott sei dank konnte er noch rechtzeitig auf Seite springen.“, erklärte ich seltsam ruhig. Ich drehte mich um und wollte mich noch einmal entschuldigen, doch da stand niemand mehr.

 

Etwas die Straße runter entdeckte ich die schwarzgekleidete Person, die sich eiligen Schrittes entfernte. „Seltsam“, murmelte ich leise vor mich hin und blickte ihm noch einen Moment hinterher. „Soll ich dich nach Hause bringen?“, erkundigte sich Josh liebevoll. Ich schüttelte den Kopf, „Nein, danke. Das brauchst du nicht, mir geht’s gut. Wir sehen uns gleich bei Cally`s.“, und mit diesen Worten stieg  ich wieder ins Auto und lies Josh alleine auf dem Parkplatz stehen. Ich wusste, dass diese Reaktion ihm gegenüber nicht fair gewesen war, doch ich musste jetzt allein sein und nachdenken. Ich konnte mir nicht erklären, wieso ich so extrem auf diesen Fremden reagierte. Er hatte irgendwas seltsames an sich.

 

Der Weg nach Hause verging wie im Flug und kaum angekommen, verschanzte ich mich in meinem Zimmer mit einer großen Portion Pizza, die ich in der Küche gefunden hatte. Meine Mom hatte sie wahrscheinlich wieder für mich und Sarah bestellt, damit sie nicht kochen musste. Ich kaute gedankenverloren auf meinem Stück Pizza herum, bis mich das Klingeln meines Handys wieder in die Wirklichkeit zurückholte. Ich griff nach meiner Tasche und angelte es mit meinen fettigen Finger daraus. Chloe hatte eine Nachricht geschrieben: „ Tommy hat JA gesagt!!! Allerdings bringt er noch einen Freund mit, der momentan bei ihm zu Besuch ist. Ich hoffe das ist kein Problem. Küsschen“ Ich beschloss, ihr später zu antworten, da ich mein Handy mit meinen Fettfingern nicht komplett versauen wollte. Ich schnappte mir den Pizzakarton und machte mich auf den Weg zum Zimmer meiner großen Schwester. „Sarah?“, rief ich und vorsichtig klopfte ich an die weiß gestrichene Holztür. Nach einem kurzen Moment hörte ich ein leises „Herein!“ Ich drehte den Türknauf nach unten und balancierte den offenen Pizzakarton mit der freien Hand ins Zimmer hinein. „Ich dachte mir, du könntest bestimmt was zu essen vertragen.

 

Du verlässt dein Zimmer ja gar nicht mehr! Du bist nur noch dabei zu lernen, das ist wirklich nicht gesund.“, rügte ich sie. Sarah sah mich tadelnd an, „Für seine Zukunft muss man eben was tun. Das wirst du während deines Studiums schon auch noch merken.“ Ich stellte den Karton neben ihr auf den Schreibtisch und umarmte sie. „Ich mach mir doch nur Sorgen um dich. Du solltest auch nochmal rausgehen, Abwechslung tut einem gut.“, erklärte ich versöhnlich und sie musste lächeln. „Was hältst du davon, wenn wir morgen Abend mal was vernünftiges Kochen. Ich kann kein Fast Food mehr sehen...“, schlug sie schmunzelnd vor. Ich musste mir ebenfalls ein Grinsen verkneifen und nickte zustimmend, „Das ist eine gute Idee!“ Sie nickte und ihr Blick schweifte wieder zurück zu den vielen Biologiebüchern, die überall verteilt in ihrem Zimmer lagen. Sie kniff gestresst die Augen zusammen und seufzte. „Ich überlass dich dann mal wieder deinem Chaos, Schwesterherz. Wenn du etwas brauchst, melde dich!“, erinnerte ich sie beim Verlassen ihres Zimmers. Ich schloss die Tür während ich vernahm, dass Sarah noch leise ein „Danke!“ nuschelte.

 

Ich schnappte mir frische Sachen zum anziehen und mein Handy samt Musikbox und schloss mich im Bad ein. Eine Dusche würde mir jetzt bestimmt gut tun. Ich schaltete die Box ein und verband mein Handy damit. Ich wählte das Lied `Summer Song` aus, das ich aus dem Film `Yesterday` kannte, den ich vor Beginn der Prüfungsphase mit Chloe im Kino angeschaut hatte und schrieb Josh noch kurz, ob es bei 15 Uhr bleiben würde bevor ich unter die Dusche stieg. Das warme Wasser war entspannend und ich merkte förmlich, wie der ganze Stress der letzten Wochen von mir ab fiel. Ich ließ den Tag Revue passieren und meine Gedanken blieben bei dem Jungen hängen, den ich heute gleich zweimal fast plattgemacht hätte.

 

Ich erinnerte mich an das Gefühl seiner Hand auf meinem Arm, als er mir hoch helfen wollte und an seine Finger unter meinem Kinn, seinen intensiven Blick aus diesen unergründlichen Augen. Ich riss die Augen auf. Was sollte das? Ich stand hier unter der Dusche und dachte an die Berührungen eines anderen Mannes, während Josh wahrscheinlich schon auf dem Weg hierher war. Was hatte dieser Fremde nur mit mir gemacht? Ich wusch mir das Shampoo aus den Haaren und stellte das Wasser ab. Ich wickelte mich in ein flauschiges Handtuch und stieg aus der Dusche. Während ich mich abtrocknete und schminkte, versuchte ich an etwas anderes zu denken, wie den bevorstehenden Abend und summte dabei leise zur Musik. Ich freute mich auf den Abend und beschloss meine Gedanken jetzt allein darauf zu lenken. Ich trug etwas Wimperntusche auf, den Rest würde ich später bei Chloe machen, mit ihr zusammen. Ich föhnte meine Haare nur kurz an, da Josh jeden Augenblick da sein musste, was zur Folge hatte, dass weiche Wellen über meine Schultern fielen. Mir gefielen die offenen Haare zu der Bluse und der schwarzen Jeans und ich entschied mich es dabei zu belassen und mir keine aufwendigere Frisur zu machen. Ich verstaute die Musikbox wieder in meinem Zimmer und packte mir meine schwarze Lieblingshandtasche und mein Portemonnaie.

 

In dem Moment, in dem ich mir im Flur die Schuhe anzog öffnete sich die Haustür. Dad kam von der Arbeit nach Hause. Er runzelte die Stirn, als er sah, dass ich dabei war das Haus zu verlassen, „Willst du schon wieder weg? Ich hab gedacht, du erzählst deinem alten Herrn mal, wie deine Prüfung gelaufen ist.“ Ich warf einen Blick auf die Uhr – fünf vor drei. „Tut mir leid, Dad. Mach ich morgen, versprochen. Ich werde jetzt gleich von Josh abgeholt!“, erklärte ich schuldbewusst. „Oh, will Josh nicht noch kurz reinkommen? Das Spiel gestern war wiedermal...“, ich unterbrach ihn. „Dad, wir haben es eilig. Wir treffen noch jemanden. Nächstes Mal kommt er bestimmt gerne nochmal rein.“ Dad nickte resigniert, „Na schön, dann hau schon ab, Kleines. Viel Spaß und pass' auf dich auf!“ Ich warf ihm eine Kusshand zu und schnappte mir meine Jacke vom Haken der Garderobe, dann verließ ich das Haus.

 

 Josh's silberner Ford stand schon in der Einfahrt, als ich die Tür hinter mir zu zog. Als er mich sah, stieg er aus und ging um das Fahrzeug herum, um mir die Tür zu öffnen. „Danke!“, sagte ich und blickte ihn prüfend an, um herauszufinden in welcher Stimmung er nach dem Vorfall war. „Du hast gar nicht mehr auf meine Nachricht reagiert, Josh...“, merkte ich vorsichtig an, „ist alles in Ordnung?“. Er reagierte nicht, sondern startete bloß den Motor. „Josh?“, versuchte ich es leise erneut. Sein Blick glitt kurz über mich, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. „Was sollte das eben, Kiley? Ich hab mir Sorgen um dich gemacht und du hast mich einfach da stehen lassen, als wäre ich der letzte Vollidiot.“

 

Ich seufzte, er hatte natürlich Recht. „Josh, hör zu. Das mit eben tut mir Leid. Ich...ich war nur...“, setzte ich an, doch ich kam nicht weiter. Wie sollte ich denn erklären, was eben mit mir los gewesen war? „Du warst was?“, fragte Josh und blickte mich eindringlich an. Ich wandte den Blick ab und räusperte mich. „Ich stand unter Schock und wollte einfach nur nach Hause. Ich wollte dich nicht allein da stehen lassen...“, versuchte ich zu erklären. Ich spürte seinen wachsamen Blick auf mir ruhen, doch ich konnte ihn nicht ansehen. Ich hielt meinen Blick fest auf die Straße vor uns gerichtet und als die Ampel auf grün sprang machte ich ihn darauf aufmerksam. Keiner von uns schien noch daran interessiert zu sein, den Vorfall von vorhin weiter zu diskutieren, also schwiegen wir bis wir an der Mall ankamen.

 

Auf dem Weg vom Auto zu Cally's hatte ich mehrmals das Gefühl, dass Josh etwas sagen wollte, doch er blieb still und ich drängte ihn nicht. Chloe stand bereits in der Schlange. Sie winkte uns zu und zeigte auf einen kleinen Tisch am hinteren Ende des Ladens. Ich entdeckte ihre Sachen, die sie großzügig über den gesamten Tisch ausgebreitet hatte, um ihn als besetzt zu kennzeichnen. Hier Sitzplätze zu bekommen war wirklich schwer, da Cally einfach den besten Kaffee machte und die leckersten Cupcakes weit und breit buk. Nach 5 Minuten kehrte Chloe zu unserem Tisch zurück mitsamt zwei Chai Latte, für sie und mich und einem Cappuccino für Josh. „Heute geht auf mich. Nächstes Mal bist du wieder dran, Josh“, trällerte sie fröhlich. Josh nickte knapp, „Danke, Chloe!“ Chloe runzelte die Stirn und warf mir einen fragenden Blick zu.

 

Ich zuckte die Schultern und formte lautlos ein „Später“ mit den Lippen. Chloe verdrehte daraufhin nur die Augen und trank einen Schluck von ihrem Chai. „Also, weißt du schon, wonach du suchst für heute Abend?“, fragte ich sie, um ein lockeres Gespräch zu beginnen. Sie schüttelte den Kopf, „Ich lasse mich überraschen. Und du?“. Ich hatte mir noch gar keine Gedanken gemacht, also blickte ich zu Josh. „Ebenso. Josh, was sagst du? Da du mein Outfit bezahlen wolltest, darfst du gern auch Wünsche äußern...“, versuchte ich ihn in unser Gespräch miteinzubeziehen. Er musterte mich nachdenklich, „Dir steht sowieso alles. Mir gefällst du aber am besten ohne Klamotten. Das wäre erstens günstiger und zweitens definitiv aufregender!“

 

Ich atmete hörbar aus. Als ich das schelmische Blitzen in seinen Augen bemerkte, wusste ich, dass der Streit aus der Welt geschafft war – er hatte mir verziehen. Ich musste lächeln und er nahm meine Hand und küsste sie. „Wenn Kiley nackt geht muss ich aber auch nackt gehen, sonst hab ich doch keine Chance bei Tommy!“, schnaubte Chloe gespielt frustriert und wir brachen in schallendes Gelächter aus. Die anderen Gäste musterten uns abschätzend und wir versuchten unser Gekicher wieder unter Kontrolle zu bekommen. „Ich glaube, das ist unser Stichwort. Lasst uns lieber freiwillig zum Shoppen aufbrechen, bevor wir noch rausgeschmissen werden.“, flüsterte ich atemlos und die anderen beiden nickten zustimmend.

 

2. Kapitel

Die Shopping-Tour war super erfolgreich gewesen. Chloe hatte sich in ein echt heißes, eng anliegendes Samtkleid in einem dunklen Rot verliebt und es direkt mitgenommen und ich hatte mich für einen schwarzen, eleganten Jumpsuit entschieden, der am Rücken tief ausgeschnitten war und vorne herum mein Dekolleté schön mit Spitze betonte. Nun waren Chloe und ich bei ihr zuhause und machten uns fertig, während Josh sich bei ihm umzog, da er kein Outfit gefunden hatte, dass ihm so richtig gefiel. Wir hatten abgesprochen, dass wir uns um 11 Uhr im Paradise treffen wollten, wo nicht nur die Stimmung, sondern auch die Cocktails großartig waren, doch bis dahin hatten wir noch eine Stunde Zeit. Chloe hatte passend zu der Farbe ihres Kleides einen Lippenstift ausgesucht, der ihr unglaublich gut stand. „Willst du den auch benutzen? Ansonsten hast du nur schwarze Sachen an und silbernen Schmuck. So ein Kontrast sieht bestimmt super aus!“, riet sie mir, während sie ihre Wimpern nachtuschte. Ich nickte und trug den Lippenstift auf.

 

Chloe hatte Recht, er gefiel mir, er ließ meine Lippen noch voller wirken, als sie sowieso schon waren. Ich gab ihr den Lippenstift zurück und sie verstaute ihn in ihrer Clutch. Ich kramte meine Lidschattenpalette aus meinem Schminktäschchen hervor und entschied mich für einen dunklen, matten Grauton. Ich zog einen schwarzen Lidstrich und setzte mit ein wenig silbernem Glitzer noch ein paar Akzente. Meine grauen Augen kamen so wundervoll zur Geltung, doch etwas störte mich noch.

 

Chloe erschien hinter mir und hielt meine Haare hoch. Ich grinste. „Du kennst mich viel zu gut“, gestand ich ihr zu. „Ich wusste doch, dass dich was stört. Hier, ich leih dir meine Klammern.“, sagte sie und reichte mir ein kleines Döschen. Ich band mir die Haare in einem lockeren Pferdeschwanz zusammen und wickelte eine Strähne um das Haargummi, um es zu verstecken. Ich befestigte alles mit einer Klammer und betrachtete mich dann noch einmal im Spiegel. Ich nickte meinem Spiegelspiel zufrieden zu und wandte mich zu Chloe um. „Kannst du mir mal kurz mit dem Armband helfen“, bat sie mich und reichte mir das silberne Schmuckstück. Ich half ihr, den Verschluss zu bedienen, und sie dankte mir mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange.

 

Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass wir noch eine halbe Stunde Zeit hatten. „Machst du mir Locken?“, bettelte meine beste Freundin und ich zauberte den Lockenstab hinter meinem Rücken hervor. „Ich wusste, dass die Frage kommt!“, grinste ich und steckte ihn ein. „Und, bist du nervös wegen heute Abend?“, fragte ich, während ich die erste Locke aufwickelte. „Na was denkst du denn?“, entgegnete sie mit hoher Stimme und klimperte entzückt mit den Wimpern. „Er kann gar nicht anders, als dich großartig zu finden.“, bemerkte ich und legte meine Hand zur Beruhigung auf ihre Schulter. „Hoffentlich bemerkt er mich überhaupt und redet nicht nur mit seinem Kumpel über Autos oder Games oder so einen Schwachsinn...“, seufzte sie und warf einen besorgten Blick in den Spiegel. „Apropos, wer ist eigentlich der Freund, den er mitbringen will? Hat er irgendwas erzählt?“, erkundigte ich mich neugierig. „Soweit ich weiß, ist er zu Besuch da und wohnt eigentlich in England. Er und Tommy kennen sich wohl noch von früher. Tommy hat ja, bevor er mit seiner Familie nach hier gekommen ist, auch in England gewohnt“, antwortete Chloe achselzuckend, „aber ich kenne nicht mal seinen Namen.“

 

Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, war, dass er es war. In meinem Magen begann es verräterisch zu kribbeln und ich versuchte zu verdrängen, dass es mich nervös machte, dass ich ihn vielleicht wiedersehen würde. „Kiley, hörst du mir überhaupt zu?“, erkundigte sich Chloe belustigt. „Entschuldige, was hast du gesagt?“, stotterte ich und rieb mir mit dem Zeigefinger über die Nasenwurzel. „Du bist ja total woanders. Was ist denn los mit dir? Falls du dir irgendwelche Sexfantasien mit Josh ausmalst, musst du dich bitte noch etwas gedulden“, zwinkerte sie verschwörerisch. Ich zuckte zusammen, denn das schlechte Gewissen machte sich wieder breit.

 

Statt an Josh dachte ich viel zu sehr an ihn. Wo auch immer diese merkwürdige Anziehungskraft zwischen uns herkam, ich musste es ignorieren. Nicht nur Josh zu Liebe oder weil man ihn, dank mir, fast zweimal von der Straße hätte kratzen können, sondern auch weil ich das Gefühl nicht loswurde, dass er nicht gut für mich sein würde. Er brachte mein Leben jetzt schon durcheinander, dabei wusste ich noch nicht mal seinen Namen. Ich schüttelte mich, um die Gedanken zu verscheuchen, und setzte ein Lächeln auf.

 

Gehen wir? Das Taxi müsste jeden Moment da sein...“, bemerkte ich und Chloe erhob sich nickend von ihrem Schminksessel. „Los geht’s!“, kreischte sie und klatschte erfreut in die Hände. Mit den Worten zog sie mich zur Haustür und ab da blieb mir überhaupt keine Zeit mehr, um an irgendetwas zu denken. Der Taxifahrer war so freundlich, die Musik laut aufzudrehen, und Chloe und ich sangen lauthals mit, um die Feierstimmung einzuleiten. Die Fahrt verging wie im Flug und als wir dankend bezahlten, entdeckten wir Tommy und einen gut gebauten jungen Mann, der mit dem Rücken zu uns stand, die vor dem Paradise warteten. Als Tommy uns entdeckte, tippte er seinem Begleiter auf die Schulter und zeigte in unsere Richtung.

 

Als er sich zu uns umwandte, setzte mein Herz eine Sekunde aus. Natürlich hatte ich Recht behalten und vor mir stand niemand anderes, als der, um den meine Gedanken schon seit unserem ersten Zusammenstoß kreisten. „Verflucht...“, entfuhr es mir leise und Chloe wandte mir irritiert das Gesicht zu und zog fragend die Augenbrauen hoch. Mit einem aufmunternden Lächeln versuchte ich sie zu überzeugen, dass es mir gut ging und sie zuckte zustimmend mit den Schultern. Ich blickte auf und alles, was ich sehen konnte, waren diese unfassbar blauen Augen, die mich aufmerksam musterten.

 

Du schon wieder!“, flüsterte er und ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Caden, du kennst Kiley schon?“, fragte Tommy überrascht und auch Chloe sah uns neugierig an. Ich nickte und wusste nicht genau, wie ich die Situation kurz und bündig erklären sollte, doch Caden kam mir zu Hilfe, „Wir sind ein paar Mal aufeinander gestoßen – wortwörtlich!“, beschrieb er und zwinkerte mir zu. Ich merkte, wie ich rot wurde, und senkte den Blick. „Stimmt...“, nuschelte ich leise. „Hey Leute!“, hörte ich jemanden hinter uns rufen. Ich wollte Caden einen kurzen unbemerkten Blick zuwerfen, um ihn zu mustern, doch er ertappte mich und sah mir direkt in die Augen. Ich schrak auf, als ich merkte, wie sich zwei Arme von hinten um mich schlossen. Josh gab mir einen Kuss auf die Wange und beinahe wäre ich zusammengezuckt. Was war nur los mit mir? Ich wandte mich zu Josh um und küsste ihn. Jetzt waren alle unausgesprochenen Fragen geklärt und es war klar, dass ich zu ihm gehörte. Doch tief im Inneren wusste ich, dass ich nicht Josh oder Caden davon überzeugen wollte, sondern vor allen Dingen mich selbst.

 

Dieser Gedanke wollte mir den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf gehen und meine Laune verschlechterte sich stetig.

 

Als wir endlich im Club waren, nachdem wir eine halbe Stunde in der Schlange hatten warten müssen, war ich bereits nicht mehr in Feierlaune, sondern wollte einfach nur nach Hause auf meine Couch. Chloe bemerkte glücklicherweise nichts davon, da sie zu sehr auf das Gespräch mit Tommy konzentriert war und darauf, ihm schöne Augen zu machen. Immerhin konnte sie mich so nicht ausquetschen und Fragen stellen, die ich ihr nicht beantworten können würde. Doch Josh fiel auf, dass ich ungewohnt still war und stupste mich fragend an. Als ich nicht reagierte versuchte er es anders, „Du siehst hübsch aus!“ „Danke, lieb von dir.“, murmelte ich abwesend. „Ich gehe kurz auf die Toilette“, verkündete ich und machte mich auf, ohne einen einzigen Blick zurück zu werfen.

 

Ich ging durch den dunklen Flur und mir kamen zwei betrunkene Mädels Arm in Arm entgegen. Die Musik wummerte durch meinen Körper hindurch und erfüllte mich. Ich spürte, wie mich jemand am Arm packte, und wurde, ohne dass ich Zeit gehabt hätte zu reagieren, hinter die nächste Garderobe gezogen. Bevor ich schreien konnte, legte sich schon eine Hand sanft über meinen Mund. Ich wandte mich um und sah Caden vor mir stehen. Er zog mich an sich und drehte mich um, so dass ich mit dem Rücken an der Wand stand. Langsam ließ er seine Hand von meinem Mund gleiten und strich dabei behutsam mit seinem Daumen über meine Unterlippe. In meinem Bauch zog sich etwas zusammen und ich konnte die Berührung seiner Finger noch immer spüren, obwohl sich seine Hand schon längst nicht mehr an Ort und Stelle befand. Stattdessen hatte er beide Hände auf Hüfthöhe neben mir an der Wand abgestützt. Gefangen zwischen seinen Armen stand ich da, unfähig zu atmen. Caden blickte mich unverwandt an. „Ich wollte mich unbedingt nochmal persönlich vorstellen...“, flüsterte er heiser. „Ich bin Caden“, fuhr er fort und ich ließ hörbar die Luft entweichen, die ich so verkrampft angehalten hatte. Als ich nichts antwortete, sprach er weiter. „Ich finde das Kompliment, das dir dein Freund da eben gemacht hat, war unangemessen.“ Er lehnte sich weiter nach vorne und sein herber Duft hüllte mich ein. Als er fortfuhr, streiften seine Lippen mein Ohrläppchen und ein Zittern ging durch meinen Körper. „Du siehst nicht hübsch aus, Kiley. Du siehst unfassbar heiß aus...“

 

Ich brauchte einen Moment, um das, was er da gerade gesagt hatte, zu verstehen. Caden ließ wieder etwas mehr Luft zwischen uns und sofort vermisste ich die Wärme, die sein Körper ausgestrahlt hatte. Ich ließ meinen Blick langsam über sein Gesicht wandern. Von den geschwungenen Augenbrauen zu seinen blauen Augen, die von unverschämt langen schwarzen Wimpern umrahmt wurden. Dann weiter zu seiner Nase und seinen markanten Wangenknochen. Ich hob die Hand, um sie mit meinen Fingern nachzumalen, und ließ sie dann weiter wandern, hinunter zu seinen vollen Lippen. Mit einer so zarten Bewegung hatte er wohl nicht gerechnet, denn man sah ihm seine Überraschung einen kurzen Augenblick an. Doch er hatte seinen Gesichtsausdruck schnell wieder unter Kontrolle und begann nun auch, seinen Blick langsam über mein Gesicht schweifen zu lassen. Doch auch wenn er mit seinen Augen kurz an meinen Lippen hängen blieb, so verweilte er doch nicht lange dort, sondern setzte seinen Weg über meinen kompletten Körper hin fort.

 

Ein Schauern durchfuhr mich, als ich sah, wie dunkel und hungrig sein Blick wurde. Noch nie hatte mich Josh mit einem solchen Verlangen angesehen und ich genoss es. Sein Gesicht näherte sich meinem und er stoppte erst, als sein Mund nur noch einen Millimeter von meinem entfernt war. „Lass uns hier verschwinden. Du wolltest den Abend von Anfang an lieber woanders verbringen...“ „Ich will Pizza...“, entfuhr es mir und ein erstaunter Ausdruck breitete sich auf Cadens Gesicht aus. Ich schlug mir entsetzt die Hand vor den Mund. Ich hatte keine Ahnung, wieso mir das jetzt laut raus gerutscht war, denn das letzte, an das ich jetzt denken konnte, war Essen. Mein Körper hatte einfach komplett die Kontrolle übernommen und mein Gehirn sich scheinbar ausgeschaltet. Ein belustigtes Funkeln trat in Cadens Augen und er schüttelte lachend den Kopf. „Na dann. Los, raus hier. Lass uns Pizza besorgen!“

 

Mit den Worten nahm er meine Hand und zog mich zurück durch den Flur Richtung Ausgang. „Sollten wir den anderen nicht Bescheid sagen und sie fragen, ob sie mitkommen wollen?“, bemerkte ich nervös. Caden sah mich stirnrunzelnd an, „Denkst du wirklich, das ist eine gute Idee? Schreib ihnen eine Nachricht, dass es dir nicht gut ging und du nach Hause gegangen bist.“ Ich zog mein Handy aus der kleinen Tasche und schrieb Josh schnell eine Nachricht und bat ihn darum, auch Chloe zu informieren, damit sie sich keine Sorgen machte. Dann schob ich das Handy in meine Tasche zurück und verdrängte das aufkommende mulmige Gefühl, weil ich genau wusste, dass das, was ich hier tat, nicht richtig war. Caden blickte mich abwartend an, „Bist du bereit?“ Ich nickte und griff nach der Hand, die er mir entgegen streckte. „Also dann, wo gibt es die beste Pizza? Ich kenn' mich hier nicht aus und bin dir völlig ausgeliefert“, grinste er. Anstatt ihm eine Antwort zu geben, fing ich an zu rennen und zog ihn hinter mir her. „He, haben wir es so eilig?“, keuchte Caden hinter mir, der bereits nach zwei Minuten außer Atem war. „An deiner Kondition müssen wir aber noch arbeiten...“, lachte ich und warf ihm einen kurzen Blick zu. „Wenn du wüsstest...“, murmelte er und zog mich ruckartig zurück, so dass ich meinen Rücken an seinem Brustkorb anlehnen musste, um nicht umzufallen. Mein Atem stockte, als mir bewusst wurde, wie nah wir uns waren.

 

Caden ließ seine Hand über meine rechte Wange meinen Hals hinab streichen und schob mir dann zärtlich eine Haarsträhne, die sich aus meinem Zopf gelöst hatte, hinters Ohr. „Wir sind da, Caden.“, murmelte ich benommen und nach einem kurzen Zögern trat er neben mich. „Ich glaube, mir ist der Hunger auf Pizza vergangen, Kiley“, hauchte er und bevor ich mich wehren konnte, zog er mich in Richtung des nächsten Taxis. Er öffnete mir die Tür, stieg nach mir ein und ohne nachzudenken nannte ich meine Adresse.

 

Meine Eltern würden, wie jeden Freitag, aus sein und erst spät zurück kommen und Sarah schlief vermutlich schon. Caden ließ seinen Daumen stetig an meinem Handgelenk auf- und abwandern und ich musste mich zusammenreißen, damit er nicht merkte, wie sehr ich schon auf so eine simple Berührung von ihm reagierte.

 

Und plötzlich war da dieser Aufschrei in meinem Inneren, der mir klarmachte, dass das, was ich hier tat, falsch war. So wollte ich nicht sein. „Stopp...“, flüsterte ich leise. Caden blickte mich einfach nur an. „Stopp!“, wiederholte ich, dieses Mal lauter und energischer und ich konnte förmlich sehen, wie er sich emotional zurückzog. Seine Augen verschlossen sich und er ließ von meiner Hand ab. Er rutschte ein Stück von mir weg und räusperte sich. „Caden...“, hauchte ich und wollte zu einer Erklärung ansetzen, doch er ließ mich nicht dazu kommen. „Du musst mir nichts erklären, Kiley. Ich habe schon verstanden.“, sagte er mit fester Stimme und wandte sich dem Taxifahrer zu. „Halten sie bitte an.“ Dieser nickte bloß und hielt am Straßenrand. Als ich mich zu Caden umwenden wollte, war er bereits ausgestiegen und schmiss die Tür geräuschvoll zu.

 

Ich seufzte frustriert und ließ mich tiefer in den Ledersitz sinken. Während das Taxi wieder anfuhr, sah ich aus dem Fenster und beobachtete die vorbeiziehenden Häuser der hell erleuchteten Nacht. Überall waren Leute unterwegs, es herrschte ein aufgeregtes Treiben, jetzt wo alle Prüfungen geschafft waren und die Ferien bevorstanden. Doch mir war nicht mehr nach Feiern zumute. Ich wollte einfach nur noch nach Hause und mich in meinem Bett verkriechen, mich meinem schlechten Gewissen hingeben und nie wieder das Haus verlassen. Ich schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als der Wagen sanft zum Stehen kam.

 

Ich begrüßte die kalte Nachtluft, die mich umfing, und entschied mich, noch eine Runde um den Block zu spazieren, um einen freien Kopf zu bekommen. Ich musste unbedingt mit Josh reden und just in dem Moment spürte ich, wie mein Handy brummte. Ich zog es aus meiner Jackentasche und erschrak, als ich die fünf verpassten Anrufe von Josh darauf entdeckte. Auch Chloe hatte mir geschrieben, wieso ich so überstürzt aufgebrochen wäre und ob es mir gut ginge. Ich simste ihr kurz, dass bei mir alles in Ordnung sei, dann wählte ich zögernd Joshs Nummer. Ich hob das Handy an mein Ohr und atmete nervös aus, als Josh sich sofort an der anderen Seite meldete. Ich hätte vorher meine Gedanken ordnen sollen, denn ich bekam keinen Ton heraus.

 

Kiley? Geht´s dir gut?“, klang Joshs sorgenvolle Stimme an meinem Ohr und mein ohnehin schon schlechtes Gewissen verstärkte sich. „Josh, es tut mir so leid. Mir geht’s gut, ich bin jetzt zuhause, mach dir keine Sorgen.“, flüsterte ich schuldbewusst und ich merkte, wie sich Joshs Besorgnis in Ärger verwandelte. „Was ist nur los mit dir heute? Du bist den ganzen Tag schon komisch drauf, lässt mich immer wieder stehen...“, sprach er genervt. Ich seufzte resigniert und schüttelte den Kopf, auch wenn er das natürlich nicht sehen konnte. „Heute ist einfach nicht mein Tag. Ich verspreche dir, dass morgen alles wieder beim Alten sein wird. Ich melde mich...“, erklärte ich und ohne groß nachzudenken, hatte ich schon aufgelegt.

 

Verdammt! Ich schaltete das Handy aus, um sicherzugehen, dass ich mir keine weiteren Dummheiten durchgehen ließ, und steckte es zurück in meine Tasche. Auf dem Weg nach Hause fasste ich einen Entschluss: Ich würde das mit Josh in Ordnung bringen und was auch immer das mit Caden gewesen war – es würde nicht wieder vorkommen. Ich würde ihm in der restlichen Zeit, in der er hier war, einfach aus dem Weg gehen.

 

3. Kapitel

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, brummte mein Schädel und der Grund dafür waren bestimmt nicht die drei Margaritas von gestern Abend. Ich stöhnte beim Gedanken an die vergangene Nacht und zog mir die Decke schützend über den Kopf, in der Hoffnung, damit alle Erinnerungen verscheuchen zu können. Doch es war sinnlos, ich würde sowieso nicht mehr einschlafen können. Ich fuhr mir mit den Händen durchs Gesicht und rieb mir die Augen. Verschlafen tapste ich Richtung Bad und wäre fast mit Sarah zusammengestoßen, die mir entgegen kam. Ihre Haare waren zerzaust und standen in alle Richtungen ab, unter ihren Augen fanden sich dunkle Ringe wieder. Sie sah total fertig aus. „Morgen“, nuschelte ich, „geht´s dir gut? Du siehst aus, als hättest du überhaupt nicht geschlafen.“ Ich bekam nur ein verzweifeltes Schnauben als Antwort, während sie an mir vorbei zurück in Richtung ihres Zimmers schlurfte. Ich musste grinsen. Ich war mir sicher, dass niemand so viel für das Studium tat wie Sarah.

 

Ich schloss mich im Bad ein und nahm eine ausführliche Dusche, bis es ungeduldig an der Tür klopfte. „Kiley, du stehst schon fast eine Stunde unter Dusche und andere Leute wollen auch noch ins Bad...“, klang Moms verärgerte Stimme. Widerwillig stellte ich das Wasser ab und schob mich, in ein Handtuch gewickelt, an ihr vorbei. Während ich mich anzog, fasste ich den Entschluss, nach dem Frühstück bei Josh vorbeizufahren, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich schnappte mir mein Handy und warf einen Blick darauf. Auf dem Display stand eine einzige Nachricht von einer unbekannten Nummer. Ein komisches Gefühl machte sich in mir breit und ich beschloss, das Öffnen der Nachricht bis nach dem Frühstück aufzuschieben. Ich steckte das Handy in meine Hosentasche und nahm immer zwei Stufen auf einmal auf meinem Weg nach unten in die Küche. Samstags musste Dad immer erst spät arbeiten, kam dafür aber erst Sonntagabend von seiner Schicht wieder, weshalb er die Gelegenheit nutzte, uns vorher Omelettes zum Frühstück zu machen. Mittlerweile war es zu einer Art Familientradition geworden, die wir alle sehr genossen. Sarah saß schon am Tisch, immer noch in den selben Sachen und mit ungekämmten Haaren, und ich schüttelte unmerklich besorgt den Kopf, als ihr ein lautes Gähnen entfuhr und sie sich murmelnd entschuldigte. Ich setzte mich auf meinen Platz und der Geruch von meinem Omelette, das vor mir auf dem Teller lag, stieg mir in die Nase. Mein Bauch knurrte laut und Dad, der gerade ebenfalls am Tisch Platz nahm, grinste mich an. „Warten wir nicht auf Mom?“, fragte ich mit vollem Mund und Dad warf mir einen tadelnden Blick zu. „Dadurch, dass du das Bad über eine Stunde besetzt hast, steht sie ein bisschen unter Zeitdruck und schafft es heute nicht, mit uns zu frühstücken“, antwortete er seufzend. „Ich wusste nicht, dass sie gleich weg ist...“, murmelte ich entschuldigend. „Schon gut, Schatz“, ertönte Moms Stimme aus dem Flur. „Ich treffe mich gleich mit einer Arbeitskollegin auf einen Kaffee. Ich hole mir auf dem Weg einfach noch schnell ein Brötchen“, erklärte sie beschwichtigend und warf uns einen Luftkuss zu, so, wie ich es immer tat, wenn ich es eilig hatte. Sie schnappte sich ihre Jacke vom Haken und wir hörten nur noch, wie die Türe hinter ihr ins Schloss fiel.

 

Das erinnerte mich an meine Pläne, die ich für nach dem Frühstück hatte, und der Appetit verging mir. Das würde mit Sicherheit kein schönes Gespräch werden. Ich wollte mein Handy aus der Hosentasche ziehen, um Josh vorzuwarnen, dass ich mich gleich auf den Weg zu ihm machen würde, doch Dad schüttelte den Kopf. „Keine Handys am Tisch während wir essen, Kiley. Du kennst die Regeln“, brummte er und deutete auf den weißen großen Bilderrahmen, der an der Wand hing. Darin standen fein säuberlich aufgeschrieben und mit Blumen verziert seit zehn Jahren unsere Familienregeln. Ich seufzte, stopfte das Handy zurück in die Hosentasche und stocherte lustlos in meinem Essen herum. „Schmeckt es dir nicht?“, fragte Dad sichtlich enttäuscht und sofort schüttelte ich vehement den Kopf. „Ich habe mich mit Josh gestritten und...“, setzte ich zu einer Erklärung an, doch er unterbrach mich. „Sag das doch, Schätzchen. Na los, fahr zu ihm und klärt das Ganze.“ „Danke, Dad. Ich hab dich lieb!“, lächelte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Ich winkte Sarah kurz über den Tisch hinweg zu, doch sie realisierte es kaum. Ohne mir eine Jacke mitzunehmen, hastete ich mit meinem Autoschlüssel in der einen und meinem Handy in der anderen Hand zur Tür hinaus. Ich wollte dieses Gespräch so schnell wie möglich hinter mich bringen. Als ich hinter dem Steuer saß und einen Blick in den kleinen Spiegel über mir warf, fiel mir auf, dass ich immer noch nasse Haare hatte und ungeschminkt war. Ich rieb mir genervt mit dem Zeigefinger über die Nasenwurzel.

 

Auf der kurzen Fahrt zu Joshs Haus versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen und mir ein paar Sätze zurecht zu legen, doch sobald ich mein Auto vor seiner Haustür geparkt hatte, war mein Kopf wie leer gefegt. Ich atmete laut aus und sammelte mich, dann stieß ich die Tür auf und stieg aus. Ich drückte, wie gewohnt, dreimal kurz hintereinander auf die Klingel und nach nur wenigen Sekunden ertönte das vertraute Surren des Türöffners.

 

Während ich die Stufen hinauf zur zweiten Etage nahm, in der Josh seine eigene kleine Wohnung hatte, vernahm ich, wie sich die Haustür seiner Eltern im Erdgeschoss öffnete. „Kiley, Süße, Josh ist noch nicht da. Willst du nicht vielleicht hier unten warten und uns ein wenig Gesellschaft leisten?“, tönte die fragende Stimme von Diana, Joshs Mutter, zu mir hinauf. Diana hatte ihren Kopf halb aus der Tür gestreckt und blickte mich erwartungsvoll lächelnd an. Eigentlich verbrachte ich gerne Zeit mit Joshs Familie, jedoch war mir die Situation unangenehm, da ich nicht genau wusste, wie viel Josh Diana über unseren Streit erzählt hatte. Ihrem einladenden Lächeln hatte ich jedoch nichts entgegenzusetzen, also folgte ich ihr in den kleinen Flur, der von unzähligen Familienfotos gesäumt war. Ich nahm im Wohnzimmer Platz, während sie uns einen Kaffee aufsetzte.

 

Nervös rieb ich mir mit den Händen über die Oberschenkel, unschlüssig, wohin mit ihnen. Wieso war ich plötzlich so nervös in ihrer Gegenwart? Ich war seit drei Jahren mit Josh zusammen und vorher waren wir eine lange Zeit sehr gute Freunde gewesen. Ich kannte Diana mittlerweile also schon circa vier Jahre, in denen sie beinahe zu einer Art zweiten Mutter für mich geworden war, und doch hatte sich etwas geändert – ich hatte mich geändert. Mein schlechtes Gewissen machte es mir unmöglich, mich wohl zu fühlen, und als Diana mit den zwei dampfenden Kaffeetassen den Raum betrat, konnte ich ihr nicht in die Augen sehen. Sie stellte die zwei Tassen auf dem alten Eichenholztisch vor uns ab und blickte mich abwartend an. Als ich nur ein nervöses Räuspern zustande brachte, ergriff sie beinahe vorsichtig das Wort. „Was ist los bei euch Zweien, Kiley? Irgendetwas stimmt doch nicht“, erkundigte sie sich und hob dabei forschend die Augenbrauen. Um mir etwas Zeit zum Nachdenken zu verschaffen, was und wie viel ich ihr erzählen konnte, griff ich nach einer der beiden Tassen.

 

Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als die Wohnungstür geöffnet wurde und Josh plötzlich im Flur stand. „Kiley? Was machst du hier?“, fragte er überrascht. „Kiley wollte eigentlich zu dir, aber du warst noch nicht zurück, also habe ich sie eingeladen, mir so lange etwas Gesellschaft zu leisten“, erzählte sie, während sie ihre Hand sanft auf meinen Unterarm legte. Eine beruhigende Geste, die mir zeigte, dass ich erwünscht war. Ich hob den Blick und sah Josh direkt an. „Ich wollte dich sehen und nochmal mit dir reden. Es tut mir Leid, wie ich mich verhalten habe, Josh“, setzte ich an und sein Blick wurde weicher. „Ich lasse euch zwei besser mal allein“, bemerkte Diana und wollte sich erheben. „Bleib sitzen, Mom. Wir gehen zu mir rauf“, sagte Josh in meine Richtung, was ich als Aufforderung wahrnahm, und ich erhob mich.

 

Sobald wir in Joshs Wohnung waren, schloss er mich in seine Arme und ich stieß überrascht die Luft aus. Er lachte leise und zog mich nur noch enger an sich. „Josh...“, nuschelte ich in seinen Pulli und wollte zu einer weiteren Entschuldigung ansetzen. „Schon gut Kiley, ich weiß, dass es dir Leid tut“, unterbrach er mich und legte seinen Kopf an meinen, wobei seine blonden Haare mich kitzelten. Er suchte meinen Blick und ich erwiderte ihn dankbar. Er legte seine Lippen sanft auf meine und signalisierte mir so, dass ich nichts weiter sagen brauchte. Ich hatte nicht gedacht, dass das so einfach werden würde, aber hatte auch das Gefühl, dass von meiner Seite aus noch nicht alles Wichtige angesprochen worden war.

 

Fürs Erste genügte mir diese Versöhnung jedoch und zufrieden erwiderte ich seine Umarmung. Nachdem einige Minuten verstrichen waren, in denen wir uns einfach nur festhielten, löste sich Josh langsam von mir. „Tommy müsste jeden Augenblick hier sein, wir waren zum Zocken verabredet“, erklärte Josh entschuldigend mit einem Blick auf die Uhr. „Kein Problem, ich wollte das mit uns nur geklärt haben, das hat mich beschäftigt“, gab ich zu. Ich gab ihm einen flüchtigen Kuss, und kurz bevor ich die Haustür erreichte, hörte ich Josh von oben „Ich liebe dich!“ rufen und sein Kopf tauchte zwischen dem Geländer auf. Ich lächelte ihn an und warf ihm einen Luftkuss zu.

 

Auf der Heimfahrt machte ich mir Gedanken, warum ich Joshs „Ich liebe dich“ schon so lange nicht mehr erwidert hatte. Ich hasste es, wenn wir uns stritten, und ich konnte mir kein Leben vorstellen, in dem er nicht vorkam. Ich wollte ihn auf keinen Fall verlieren, er bedeutete mit unglaublich viel, und doch konnte ich sein „Ich liebe dich“ nicht so einfach erwidern. Mein Kopf schwirrte und ich beschloss, mich bei Chloe zu melden. Auf dem Display leuchtete die unbekannte Nummer auf. Ich war mir sicher, dass es niemand anderes als Caden sein würde, und mein Verdacht bestätigte sich, als ich die Nachricht öffnete. „Es tut mir Leid, Kiley. Du bist vergeben und ich hätte mich da nicht einmischen sollen. Vielleicht können wir all das vergessen, aber wenn du es wünschst, werde ich mich ab jetzt von dir fernhalten. Es liegt bei dir. -C“. Ich traute meinen Augen nicht. Nachdem ich die Nachricht ungefähr zehn mal wieder und wieder gelesen hatte, steckte ich das Handy zurück in die Hosentasche, ohne zu antworten. Ich verwarf den Plan, Zeit mit meiner besten Freundin zu verbringen, ich brauchte etwas Zeit für mich.

 

Zuhause verschanzte ich mich in meinem Zimmer, setzte mir die Kopfhörer auf und drehte die Musik so laut, bis sie alle Gedanken vertrieben hatte. Ich starrte eine gefühlte Ewigkeit an die Decke über meinem Bett und schloss die gesamte Außenwelt aus, bis Sarah plötzlich in meinem Blickfeld auftauchte. Sie wedelte mit den Händen und ihre Lippen bewegten sich, doch ich verstand keinen Ton. Genervt zog sie den Kopfhörerstöpsel aus meinem Handy und abrupt wurde es still. Ich verzog das Gesicht, als würde mir die Stille körperliche Schmerzen bereiten.

 

„Erde an Kiley?“, fragte Sarah ungeduldig. „Entschuldige...“, brummte ich „was gibt’s?“ „Ich wollte jetzt einkaufen gehen für heute Abend“, bemerkte Sarah, „Kommst du mit?“

 

Im Supermarkt war es laut und voll, das Gegenteil von dem, was ich im Moment bevorzugen würde. Als ich mich am Kühlregal nach dem Schmand bücken wollte, wurde ich unsanft von der Seite angerempelt und schaffte es nur, mich auf den Beinen zu halten, indem ich mich an meinem linken Nachbarn abstützte. Dieser wandte sich daraufhin irritiert zu mir um und ich erstarrte. Eisblaue Augen musterten mich überrascht. Caden. „Das ist wohl unser Ding, hm?“, lachte er, offensichtlich unsicher, wie er sich mir gegenüber verhalten sollte, nachdem ich nicht auf seine Nachricht reagiert hatte. „Anscheinend ja“, entgegnete ich lächelnd und schob mir nervös eine Haarsträhne hinters Ohr, die sofort wieder nach vorne fiel. Cadens Hand zuckte kaum merklich, als hätte er kurzzeitig daran gedacht, mir die Strähne erneut hinters Ohr zu schieben. „Ich sollte weiter, meine Schwester wartet auf mich“, erklärte ich, um die unangenehme Situation zu beenden, und drehte mich auf dem Absatz um.

 

„Wer war das denn?“, fragte Sarah neugierig, als ich zum mittlerweile gut befüllten Einkaufswagen zurück kehrte. „Ein Freund von Tommy, er ist nur zu Besuch hier“, antwortete ich betont desinteressiert. Sarahs Blick glitt erneut über Caden, der sich keinen Zentimeter von der Kühltruhe wegbewegt hatte und immer noch in unsere Richtung blickte. „Er ist heiß“, bemerkte Sarah und sah mich schmunzelnd an. „Ist er noch zu haben?“ Ich schnaubte genervt. „Er ist vor allem viel zu jung für dich.“ Bei meinem verärgerten Tonfall musterte mich Sarah kritisch und ich murmelte verlegen eine Entschuldigung. Ich hätte sie nicht so anfahren dürfen, ich wusste, dass sie nur einen Scherz gemacht hatte. Ich wollte meiner Überreaktion jedoch nicht zu viel Bedeutung beimessen, weshalb ich dringend das Thema wechseln musste, um auf andere Gedanken zu kommen. „Was brauchen wir noch?“, fragte ich.

 

Als bereits alle Einkäufe sicher im Auto verstaut waren, schlug Sarah sich die Hand vor die Stirn und seufzte genervt. „Was ist los?“, fragte ich und beobachtete dabei aus dem Augenwinkel, wie Caden den Laden verließ. „Ich muss nochmal schnell rein, ich habe was vergessen. Mom wollte, dass ich ihr noch eine Flasche Wein für ihre Kollegin mitbringe, die morgen ihren letzten Tag hat“, erklärte Sarah, während sie bereits losmarschiert war. Ich nahm ihre Erklärung gar nicht richtig war, sondern nickte nur abwesend. Caden hatte gerade seine Einkäufe verstaut, als er mich bemerkte. Er schloss den Kofferraum und drehte sich in meine Richtung. Einen Moment lang musterte er mich nachdenklich, dann drehte er sich um und stieg ein.

 

Auch wenn ich nicht gewusst hätte, worüber wir zwei uns hätten unterhalten können, war ich doch enttäuscht, dass er einfach so davon gefahren war. Kurz hatte ich gedacht, er würde vielleicht zu mir rüber kommen. Doch was hätte er schon sagen sollen, nachdem ich nicht mal auf seine Nachricht geantwortet hatte. Gedankenverloren öffnete ich unseren Chat. Erneut las ich seine Nachricht. Wieder und wieder. Es lag bei mir, hatte er gesagt, doch hatte ich eigentlich eine Wahl? So gern ich mich auch von ihm fernhalten wollte, weil ich wusste, dass das nur zu weiteren Problemen mit Josh führen würde - ich konnte es nicht. Und ich war mir sicher, dass er das wusste. Bestimmt hatte er deshalb nicht mehr das Gespräch mit mir gesucht, er wollte mich schmoren lassen. Er wollte, dass ich mir selbst eingestand, dass ich ihn wiedersehen wollte. Ja, ich würde mich bei ihm melden und ich würde ihm verzeihen, dass er eine Grenze überschritten hatte. Auch ich hatte diese Grenze überschritten und das wussten wir beide. Ab jetzt würde ich das nicht mehr zulassen. Ja, ich wollte Zeit mit Caden verbringen, aber ich musste eine gewisse Distanz wahren. Ich wusste, dass diese Entscheidung gefährlich war. Gefährlich für mich und Josh, aber vor allem gefährlich für mich und Caden, denn auch, wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, musste ich zugeben, dass er eine gewisse Macht über mich hatte, der ich nichts entgegenzusetzen hatte, wenn er in meiner Nähe war.

 

4. Kapitel

Nachts wälzte ich mich unruhig in meinem Bett hin und her. Meine Gedanken wanderten immer wieder zurück zu Caden. Und zu Josh. Ich wusste, dass ich es bereuen könnte, mich bei Caden zu melden, und doch konnte ich dem Drang, ihm zu schreiben, nicht widerstehen. Ich wollte ihn kennenlernen, wollte wissen, wie er tickte, was er mochte und was ihn ausmachte. Seine blauen Augen hatten mich vom ersten Moment an in ihren Bann gezogen, mich verschlungen und ließen mich seitdem nicht mehr los. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, waren sie da, blitzten vor meinem inneren Auge auf, als hätten sie sich eingebrannt.

 

Entschlossen griff ich nach meinem Handy, das auf dem Nachttisch lag, der neben meinem Bett stand, und öffnete Cadens und meinen Chat. Doch wie sollte ich meine Nachricht beginnen, oder was sollte ich überhaupt schreiben? Was genau wollte ich ihm sagen? Dass ich nicht aufhören könnte, an ihn und seine eisblauen Augen zu denken? Dass er mich nicht los ließ, mich nachts wach bleiben ließ? Ich pustete mir resigniert eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und so schnell, wie mein Mut aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden. Ich legte das Handy auf das Kopfkissen neben mich und las noch einmal Cadens Nachricht. Ich verließ mich auf mein Bauchgefühl und fing an zu tippen: „Caden, ich trage genauso viel Schuld, wie du! Ich hoffe, wir können nochmal von vorne anfangen. Ich würde mich freuen, dich wiederzusehen. –K“. Ohne nachzudenken schickte ich die Nachricht ab und innerhalb weniger Sekunden wurden die Häkchen blau. Er war noch wach und er hatte meine Nachricht gelesen. Auf einmal kam ich mir unheimlich blöd vor. Er würde bestimmt wissen, dass ich nur seinetwegen noch wach war. Das entblößte mich auf so eine emotionale Art vor ihm, die mir nicht gefiel. Andererseits war auch er noch wach gewesen und seiner Reaktionszeit nach zu urteilen, schien er nur auf meine Nachricht gewartet zu haben. Doch wahrscheinlich war das einfach nur Wunschdenken und innerlich lachte ich mich selbst für meine Naivität aus.

 

Das „online“ unter Cadens Namen verwandelte sich in ein „schreibt“ und mein Herz machte einen aufgeregten Sprung. Ich wartete und wartete, und immernoch schien Caden an seiner Nachricht zu schreiben. Ungeduldig kaute ich auf der lästigen Haarsträhne herum, die mir immer wieder ins Gesicht fiel. Als ein leises „Pling“ Cadens Nachricht ankündigte, versetzte es mir jedoch einen unangenehmen Stich.

 

Ein einfaches „Okay.“ leuchtete vor mir auf dem Dipslay auf. Enttäuscht ließ ich das Handy sinken und klammerte meine Finger darum. Wie konnte er einem in einem Moment das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein, und im nächsten so unnahbar sein? Ohne mein Handy loszulassen, schloss ich die Augen und versuchte, Caden aus meinen Gedanken zu vertreiben.

 

Anscheinend war ich eingeschlafen, denn als ich die Augen wieder öffnete und einen Blick auf die Uhr warf, zeigte diese bereits 12 Uhr an und die Sonne schien mir freundlich ins Gesicht. Das schöne Wetter stimmte mich fröhlich, doch als ich das Handy in meiner Hand bemerkte, das ich immer noch fest umklammert hielt, verschlechterte sich meine Laune augenblicklich wieder. Ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, legte ich es beiseite und beschloss, den Tag heute für mich zu nutzen und keinen einzigen weiteren Gedanken an Caden zu verschwenden.

 

Nach einer ausführlichen Dusche, die unheimlich gut tat, machte ich mich zu Fuß auf den Weg zu meinem Lieblingsplatz - einem kleinen See, der versteckt in dem Buchenwald direkt hinter unserem Städtchen neben einer wunderschönen Lichtung lag. Solche Plätze, wo die Natur beinahe unberührt war, kamen nur noch vereinzelt vor und ich genoss die Tatsache, dass anscheinend nicht viele Leute hier im Umkreis das Bedürfnis danach hatten, den Wald regelmäßig aufzusuchen. Allein ein morscher Steg und ein Holzschuppen mit alter Fischerausrüstung wiesen darauf hin, dass es einmal eine Zeit gab, in der der See regelmäßig besucht wurde.

 

Ich genoss die warme Mittagssonne, die mir ins Gesicht schien, während ich es mir auf dem Steg bequem machte. Einige Minuten vergingen, in denen ich bloß so da saß und meine Gedanken schweifen ließ. Bis sich Caden wieder in meinen Kopf stahl und seine blauen Augen und seine vollen Lippen alles waren, woran ich noch denken konnte. Die Sonne schien mir auf einmal zu warm und ich verspürte den Drang, in das kalte Nass des Sees zu springen, um mich abzukühlen. Ich schloss die Augen und auf einmal saß ich nicht mehr auf dem Steg am See, sondern war wieder zurück im dunklen Flur der Diskothek, an die Wand gelehnt und um mich herum das Wummern der Musik - und Caden. Seine Hände auf meinen Hüften, sein Blick den meinen suchend. Beinahe konnte ich seine Wärme spüren, seinen herben Duft riechen. Doch als ich die Augen wieder öffnete, waren da nur ich und der See, der so still vor mir lag, als würde er darauf warten, meiner Geschichte lauschen zu können.

 

Ich ärgerte mich, dass ich es Caden schon wieder erlaubt hatte, sich unbemerkt in meine Gedanken zu stehlen. Um mich abzulenken, griff ich nach meinem Buch, das ich mir mitgebracht hatte. So eine Zeit lang in eine andere Welt einzutauchen und ein anderes Leben zu leben, half mir oft, meine Probleme zu vergessen. Doch heute wollte es mir nicht gelingen, mich wirklich auf den Inhalt zu konzentrieren. Immer und immer wieder las ich denselben Satz, ohne dessen Bedeutung aufnehmen zu können, und irgendwann gab ich verzweifelt auf. Wenn selbst das nicht half, stand es schlimm um mich.

 

Ich seufzte, packte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Rückweg. Heute hatte der See seine beruhigende Wirkung nicht auf mich übertragen können und ich kam genauso nervös zuhause an, wie ich aufgebrochen war.

 

Mein Handy brummte genau in dem Augenblickt, in dem ich mein Zimmer betrat. Ich hatte fünf verpasste Anrufe von Chloe und zwei neue Nachrichten. Eine davon war ebenfalls von Chloe, in der sie mir mitteilte, weshalb sie mehrmals versucht hatte, mich zu erreichen. Tommy hatte sie endlich zu einem Date eingeladen.

 

Die andere war von Caden. Ich widerstand dem Drang, die Nachricht direkt zu öffnen, und rief stattdessen Chloe zurück. Sie ging sofort ran: „Kiley, Gott sei Dank meldest du dich endlich. Ich dachte schon ich platze, wenn ich jetzt nicht endlich mit dir rede“, erklang ihre hysterische Stimme vom anderen Ende der Leitung. „Sorry, ich hatte mein Handy vergessen“, erwiderte ich mit einem leicht schlechten Gewissen. Ich wollte meine beste Freundin nicht anlügen, aber ich konnte ihr auch nicht erklären, was für ein Gefühlschaos mich im Moment plagte. Ich hätte nicht gewusst, wie ich es ihr verständlich machen könnte, da ich es ja selbst noch nicht richtig verstand. Außerdem wollte ich ihr ihren Moment nicht zerstören, schließlich wartete sie schon lange darauf, dass Tommy sie nach einem zweiten Date fragte.

„Wann trefft ihr euch denn? Und wo?“, fragte ich schnell weiter, um das Thema wieder auf sie zu lenken. „Das ist eine Überraschung, er holt mich heute Abend ab“, antwortete sie und ich konnte ihr glückseliges Lächeln quasi vor mir sehen. „Allerdings“, fügte sie hinzu, „weiß ich so nicht, was ich anziehen soll. Wer weiß, nachher bin ich total unpassend gekleidet.“ „Zieh einfach eine Jeans an und dein Spitzentop mit den schwarzen Sneakers. Damit solltest du eigentlich für alle Gelegenheiten angemessen gekleidet sein, egal ob ihr einen Spaziergang macht oder ins Kino geht“, schlug ich vor. Doch ich wusste, dass das Thema nicht so einfach abgehakt war. Chloe hatte, wenn es um ihr Outfit ging, immer Bedenken, die dann meist nur durch spontane Neigungen ihrerseits beseitigt werden konnten. „Aber“, setzte sie an, „sollten wir essen gehen, wäre ich definitiv underdressed.“ Damit hatte sie vielleicht Recht.

Da ich in der Hinsicht dann auch überfragt war, äußerte ich bloß, dass ihr bis heute Abend bestimmt noch etwas einfallen würde, und verabschiedete mich überstürzt. Hätte ich das Telefonat nicht so abrupt beendet, wäre daraus eine stundenlange Diskussion geworden, für die ich im Moment einfach keine Nerven hatte. Mich juckte es in den Fingern, endlich Cadens Nachricht zu öffnen.

 

Ich öffnete unseren Chat: „Zeigst du mir die Stadt?“ „Du weißt aber schon, dass Californien ziemlich groß ist, oder?“, schrieb ich schmunzelnd, doch gleichzeitig vollführte mein Herz einen Freudentanz. Keine zwei Sekunden später trudelte seine Antwort ein. „Wirklich? Da haben wir ja einiges vor. Ich komm dich gegen 18 Uhr holen.“ Ich schüttelte unmerklich den Kopf darüber, wie er einfach voraussetzte, dass ich dann Zeit für ihn hätte. Aber wenn ich mal ehrlich war, wusste er genauso gut wie ich, dass ich keine Wahl hatte. Andererseits ärgerte es mich auch, dass er sich dessen so bewusst war. Um dem etwas entgegenzuwirken, beschloss ich, ihm auf seine Nachricht nicht zu antworten, auch wenn es mir schwer fiel. Ich zwang mich, das Handy wegzulegen und mir Gedanken darüber zu machen, was ich mit meiner restlichen Zeit anfangen sollte.

 

Das Klingeln unserer Haustür ließ mich aufschrecken. Ein Blick auf die Uhr und die blanke Panik breitete sich in mir aus. Ich war so in mein Buch vertieft gewesen, dass ich nicht mehr auf die Zeit geachtete hatte. In Windeseile sprang ich von meinem Bett auf, schmiss den Roman auf die Tagesdecke und schnappte mir eine frische Jeans und ein einfaches Sweatshirt aus dem Kleiderschrank. Auf keinen Fall wollte ich Caden das Gefühl geben, dass ich mir extra für ihn besondere Mühe gegeben hatte. Einen kurzen Blick in den Spiegel konnte ich mir jedoch nicht verkneifen. Meine Wangen waren leicht gerötet vor Aufregung, was mir eine natürliche und gesunde Frische verlieh.

 

Als ich die Tür öffnete, stockte mir der Atem. Caden sah atemberaubend aus, trotz der Tatsache, dass er nur ein einfaches weißes T-Shirt auf eine schwarze Jeans kombiniert trug. Das Shirt ließ nur erahnen, was für Muskeln sich darunter verbargen, doch mein Blick blieb an etwas anderem hängen. Zum ersten Mal konnte ich erkennen, dass Cadens Arme von Tätowierungen überzogen waren. Gebannt versuchte ich, die einzelnen Motive zu erkennen, bis Caden mich mit einem Räuspern zurück in die Wirklichkeit holte. Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg, weil ich ihn eindeutig ein wenig zu lange gemustert hatte. Dem Funkeln in Cadens Augen nach zu urteilen, war ihm das wohl auch aufgefallen.

 

„Hey“, sagte ich schüchtern. Es war komisch, ihn jetzt wiederzusehen. Wieder einmal wusste ich nicht so richtig, wie ich mich verhalten sollte. Beim letzten Mal schien es Caden genauso gegangen zu sein, doch jede Unsicherheit schien nun verflogen. Seine Selbstsicherheit machte ihn noch attraktiver, und als er meinen Blick suchte und festhielt, musste ich schlucken. Er schien zu spüren, dass mich seine Intensität umhaute.

 

„Können wir?“, fragte er grinsend. Ich nickte bloß und setzte mich in Bewegung. Als ich seinen Bauch im Vorbeigehen unabsichtlich mit meinem Arm streifte, nahm ich wahr, wie er leise scharf die Luft einzog. Doch als ich ihn im nächsten Moment anblickte, hatte er sich schon wieder gesammelt. Und doch verschaffte mir die Tatsache, dass auch ich diese Wirkung auf ihn hatte, ein gewisses Hochgefühl. Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen, während ich in Cadens geräumigen Land Rover stieg. „Wo soll´s als erstes hingehen?“, fragte Caden und warf mir einen auffordernden Blick zu. Ich hatte mir noch keine Gedanken gemacht, wohin ich Caden mitnehmen wollte.

 

„Wie wär`s, wenn wir das mit der Pizza erstmal nachholen? Du kannst auf keinen Fall zurück nach England, ohne eine Pizza bei Johnny´s gegessen zu haben. Außerdem bin ich kurz vor dem Verhungern“, erwiderte ich lachend. „Dein Lachen ist wunderschön“, flüsterte Caden ernst und sah mich aus unergründlichen Augen an. Der Blickkontakt war zu intensiv und ich schlug die Augen nieder. Das war alles andere, als rein freundschaftlich. „Caden, ich...“, setzte ich an, doch indem er die Hand hob, forderte er mich stumm auf, darauf nichts zu erwidern. Ich fürchtete mich davor, wieder diese Kälte und Ablehnung in seinen Augen zu finden, sobald ich ihn ansah, und doch konnte ich nicht anders. Ich hatte ihn nicht verletzen wollen, doch als ich ihn jetzt ansah, lächelte er mich aufmunternd an. Ich stieß einen erleichterten Seufzer aus, als Caden daraufhin den Wagen startete. Das Radio lief leise im Hintergrund und der warme Sommerwind strich durch meine Haare, als Caden die Fenster runterließ. Ein Gefühl von Freiheit durchströmte mich, während er auf den Highway einbog, und mir wurde bewusst, dass ich mich schon lange nicht mehr so gefühlt hatte, wie hier neben ihm.

 

5. Kapitel

Beim Anblick der dampfenden Pizza, die die freundliche Bedienung auf den Tisch vor uns stellte, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Eine Peperoni-Pizza mit extra Käse. Abwartend sah ich Caden an, der bis jetzt keine Anstalten gemacht hatte, sich das erste Stück zu nehmen. Doch ich konnte nicht beginnen zu essen, ich wollte Cadens Reaktion sehen, wenn er den ersten Bissen dieser grandiosen Pizza nahm.

 

„Willst du mich vergiften, oder wieso soll ich zuerst kosten?“, fragte Caden gespielt misstrauisch und meine Mundwinkel glitten augenblicklich nach oben. „Wer weiß...“, erwiderte ich schelmisch und sah ihm herausfordernd entgegen. Kopfschüttelnd und mit einem leisen Lächeln auf den Lippen griff er nach dem ersten Stück und schob es sich in den Mund. Beinahe gleichzeitig schlossen sich seine Augen genussvoll und mit dem „Mmh...“, das darauf folgte, griff ich zufrieden nach einem eigenen Stück Pizza. Ein genüssliches Seufzen entfuhr mir und ich bemerkte Cadens funkelnden Blick, der auf mir ruhte. Und wieder einmal spürte ich, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Caden schien immer genau zu spüren, wenn ich verlegen war oder mich unwohl fühlte, denn umgehend lenkte er seinen Blick wieder zurück auf das Pizzastück in seinen Händen, das vor geschmolzenem Käse nur so triefte. Wir aßen schweigend in beiderseitigem Einvernehmen.

 

Glücklich und satt verließen wir eine dreiviertel Stunde später das Johnnys´s und kehrten zu Cadens Wagen zurück. „Was ist unser nächstes Ziel?“, fragte er, während er vom Parkplatz bog. Nachdenklich ließ ich den Kopf an die kalte Fensterscheibe sinken. Draußen kündigte sich so langsam der Sonnenuntergang an. Schon jetzt ließ sich erahnen, dass er heute besonders farbintensiv werden würde. Ob ich Caden zu meinem See mitnehmen sollte? Das Wasser des Sees verwandelte selbst die unspektakulärsten Sonnenuntergänge in picassoähnliche Kunstwerke. In der Spiegelung verschwammen die rot-orangen Töne zu einem einzigen goldenen Fluss und sobald die ersten Sterne auftauchten, hatte man das Gefühl, in eine andere Welt eingetaucht zu sein.

 

Doch auch wenn ich diesen Anblick gerne mit Caden geteilt hätte, entschloss ich mich dagegen. Es kam mir zu privat vor. Das war mein Platz und ich hatte weder Josh noch Chloe davon erzählt. Geschweige denn, dass ich je darüber nachgedacht hätte, ihnen den See zu zeigen. Würde ich Caden tatsächlich mitnehmen, würde mich der See nur noch an ihn erinnern, wenn er wieder in England wäre. An ihn und seine Abwesenheit. Ein beklemmendes Gefühl legte sich auf meine Brust und schnell versuchte ich diese Gedanken wieder aus meinem Kopf zu vertreiben.

 

Caden hatte mir mittlerweile abwartend den Kopf zugedreht und wartete offensichtlich immer noch auf eine Antwort. „Ich weiß nicht so genau.“, erwiderte ich wahrheitsgemäß und lächelte ihn entschuldigend an. Ein paar Minuten schwiegen wir beide und Caden bog wahllos in die nächsten Straßen ein. Unbemerkt hatten wir uns der Bucht San Franciscos genähert und mir kam eine Idee.

 

Ich würde Caden zwar nicht mit zum See nehmen, aber ich wusste eine andere Stelle, von der aus wir den Sonnenuntergang genießen können würden. Gleichzeitig könnte Caden auch noch die berühmteste Sehenswürdigkeit Californiens auf seiner Touristenspotliste abhaken – die Golden Gate Bridge. „Bieg hier links ab“, wies ich ihn an, als wir an die nächste Kreuzung kamen, und Caden tat wie ihm geheißen. Ich lotste ihn durch winzige Gässchen, weg von den großen Straßen, die von Touristen überrannt wurden, die ebenfalls die Golden Gate Bridge ansteuerten. Wenige Minuten später parkten wir auf einem kleinen sandigen Parkplatz, der von kleinen Hügeln umsäumt wurde. „Ich hoffe, du hast nichts gegen einen kleinen Fußmarsch“, kündigte ich lächelnd an und war froh, mich für die Sneakers entschieden zu haben.

 

Der Aufstieg bis zum Battery Godfrey Presidio war zwar nicht allzu steil, jedoch war der kleine Wanderweg relativ schmal, sodass Caden gezwungen war, hinter mir zu laufen. Und wieder sprach keiner von uns ein Wort. Es war keine unangenehme Stille. Es schien so, als wären wir beide zufrieden damit, in der Gegenwart des jeweils Anderen unseren eigenen Gedanken nachzuhängen. Als wir uns der letzten Kurve näherten, hinter der die kleine Aussichtsplattform thronte, verlangsamte ich meinen Schritt und kam schließlich zum Stehen. Caden warf mir einen fragenden Blick zu, als ich mich zu ihm umwandte. „Mach dich auf den aller schönsten Ausblick gefasst, den du je gesehen hast“, sagte ich stolz grinsend und gab ihm ein Zeichen, sich an mir vorbei zu quetschen. Ich wollte, dass er zuerst oben ankam und dass ihn in diesem Augenblick nichts ablenkte. Die Sonne stand mittlerweile tief und noch befanden wir uns im Schatten. Sobald wir jedoch die letzten paar Schritte um die Kurve gemacht hatten, wurden wir von dem warmen, goldenen Licht der Abendsonne eingehüllt. Das dunkle Rot der Golden Gate Bridge fügte sich wunderbar in die Szene ein und auch, wenn ich schon einige Male hier oben gewesen war, raubte es mir doch wieder einmal den Atem.

 

Doch zum ersten Mal blieb mein Blick nicht an der gigantischen Brücke hängen, sondern an dem Mann, der mich hierher begleitet hatte. Man könnte den Eindruck bekommen, die Sonne schickte all ihre letzten Strahlen in seine Richtung. Seine dunklen Haare fingen ihren warmen Schimmer auf, während Cadens Haut aus flüssigem Gold zu bestehen schien. Seine blauen Augen waren auf die Sonne gerichtet, die majestätisch hinter der Brücke hinabsank. Ein verzauberter Blick lag auf seinem Gesicht und in meiner Brust entstand ein warmes Kribbeln, dass sich langsam in meinem gesamten Körper ausbreitete, bis ich das Gefühl hatte, vor Freude ersticken zu müssen.

 

In dem Augenblick wandte sich Caden zu mir um und musterte mich dermaßen intensiv, dass ein Schauer durch meinen Körper lief und sich eine wohlige Gänsehaut auf meinen Armen ausbreitete. Jetzt, genau in diesem Moment, gab es keinen Menschen, mit dem ich lieber hier oben wäre. Zögernd trat er erst einen, dann einen weiteren Schritt auf mich zu. Seine blauen Augen glitten über mein Gesicht und schienen jede einzelne Kleinigkeit in sich aufzunehmen. Vorsichtig hob er die rechte Hand und legte sie langsam und behutsam auf meine Wange. Die Hitze, die diese simple Berührung in mir auslöste, ließ mir den Atem stocken. Langsam, ganz langsam ließ er seine Hand in Richtung meines Kiefers gleiten, weiter hinab zu meinem Hals. Mit dem Zeigefinger übte er dabei einen leichten Druck aus, bis seine Hand sich schließlich langsam in meinen Nacken legte. Beinahe fragend suchte er meinen Blick und er schien darin zu finden, was er gesucht hatte.

 

Sanft zog er mich in seine Richtung und mit seinem Daumen, den er unter mein Kinn gelegt hatte, hob er sachte meinen Kopf an. Ich hatte diesen blauen Augen nichts entgegenzusetzen, ertrank förmlich in ihnen, als Caden mich keinen Augenblick aus den Augen ließ. Sein Blick hielt meinen gefangen, und erst als er seine Lippen sanft auf meine legte, schlossen sich unsere Augen. Dieser Kuss war anders als alle, die ich bis jetzt erlebt hatte. Er war ein Versprechen. Dieser Kuss sandte ein Kribbeln durch meinen Körper, dass sich zu einem hungrigen Feuer entwickelte, als seine Zunge meine Lippen öffnete. Der so unschuldige Kuss wurde fordernder und Cadens Hand, die vorher leicht in meinem Nacken lag, übte nun einen gewissen Druck aus, der mich um den Verstand brachte. Er ließ seine Hand weiter wandern, zwischen meinen Schulterblättern entlang, bis sie auf meinem unteren Rücken zum Halten kam. Seine Hand drängte mich ihm entgegen, bis auch der kleinste Abstand zwischen uns Geschichte war. Caden raubte mir den Atem. In seinem Kuss steckten hunderte Fragen, doch noch mehr Forderungen und ich konnte nicht anders, als mich ihm zu ergeben. Als meine Knie nachzugeben drohten, griff ich haltsuchend in Cadens T-Shirt.

 

Und so schnell, wie sich der Kuss entwickelt hatte, war er auch wieder vorüber. Caden hatte seine Lippen von meinen gelöst und etwas Abstand zwischen uns gebracht. Die Hitze, die von seinem Körper ausgegangen war, zog sich mit ihm zurück und seine Abwesenheit ließ mich frösteln. Die Sonne war in der Zwischenzeit vollständig untergegangen und auch von ihrer Wärme war nichts mehr zu spüren.

 

Fragend blickte ich Caden an, suchte nach einer Erklärung, was ihn dazu gebracht hatte, unseren Kuss zu unterbrechen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und plötzlich war sein Körper meinem wieder ganz nah. Er zog mich zurück in seine starken Arme und seine Wärme umhüllte mich erneut. Zufrieden seufzend lehnte ich mich an ihn, genoss jede einzelne Sekunde, in der er mich ihm so nah sein ließ. Ich blendete alles andere aus, drängte alle Fragen und das schlechte Gewissen in den Hintergrund. Damit würde ich mich später auseinandersetzen. Ich brauchte das hier. Ich brauchte ihn.

 

Diese Erkenntnis traf mich so unvorbereitet, dass ich den Kopf von Cadens Brustkorb lösen musste, um ihn zu betrachten. Ich lächelte, denn trotz allem, was mich in diesem Moment plagen sollte, war ich glücklich. Caden erwiderte mein Lächeln, es war ein vorsichtiges Lächeln. Er schien darauf zu warten, dass ich mich wieder zurückzog, ihn wieder wegschicken würde, wie beim letzten Mal. Ich schloss meine Arme fester um ihn und seufzend ließ er seine Lippen gegen meine Stirn sinken. Eine Zeit lang blieben wir einfach so stehen, bis die Kälte, die die untergegangene Sonne hinterlassen hatte, meinen Körper zum Zittern brachte. Caden griff nach meiner Hand und gemeinsam begannen wir den Abstieg. Obwohl wir aufgrund des schmalen Pfads wieder hintereinander gehen mussten, ließ Caden, der vorauslief, meine Hand kein einziges Mal los.

 

Ich wollte nicht, dass dieser Abend zu Ende ging. Ich wollte Caden nicht gehen lassen, nicht heute Abend. Als Caden den Wagen vor unserem Haus parkte, sammelte ich all meinen Mut, um ihn zu bitten zu bleiben. Ich räusperte mich nervös. „Caden...“, setzte ich an, und Caden blickte mich aufmerksam an. Er wartete geduldig ab, bis ich weitersprach. „...geh nicht“, flüsterte ich leise. Behutsam nahm er meine Hand, die ich verkrampft in meinen Oberschenkel gekrallt hatte, in seine und führte sie zu seinem Mund. Sein Kuss war so sanft, dass ich beinahe glaubte, mir die Berührung seiner Lippen auf meinem Handrücken nur eingebildet zu haben. Gemeinsam stiegen wir aus und das Lächeln, dass sich auf meinem Gesicht ausbreitete, ließ sich nicht mehr unterdrücken. An der Haustür angekommen, strahlte ich bis über beide Ohren, doch als sich die Türe öffnete und Sarah im Eingang auftauchte, verwandelte sich meine gute Laune in einen eiskalten Klumpen, der irgendwo in der Nähe meiner Magengegend herumpolterte. Aufmerksam musterte ich das Gesicht meiner Schwester, um ihre Reaktion abzuschätzen, und genauso interessiert schien sie in meinen Augen nach einer Erklärung zu suchen. Ich versuchte mich zusammenzureißen, schließlich konnte Sarah nicht wissen, was zwischen mir und Caden war – oder eben nicht war. „Sarah, das ist Caden. Er kommt aus England und besucht Tommy. Wir haben ihn schon beim Einkaufen getroffen, erinnerst du dich?“, fing ich an. Ich war stolz, dass man aus meiner Stimme nicht heraushören konnte, wie nervös ich war. Ihr Blick glitt von mir zu Caden und ich hielt gespannt die Luft an. Als sie ihm daraufhin mit einem breiten Lächeln die Hand entgegenstreckte, atmete ich erleichtert aus. „Hi Caden, schön dich kennenzulernen. Ich bin Sarah, Kileys große Schwester – und gerade definitiv unpassend gekleidet für Besuch“, bemerkte sie, während sie amüsiert einen Blick auf ihre zerknitterte Jogginghose warf. Caden erwiderte ihren Händedruck grinsend und schüttelte entspannt den Kopf. Der lockere Umgang der beiden miteinander entspannte mich. Sarah schien nicht mehr in die Sache hineinzuinterpretieren. Doch ich hatte mich zu früh gefreut, denn als Caden sich im Flur bückte, um seine Schuhe auszuziehen, warf sie mir einen wissenden Blick zu. Ich seufzte, gestresst davon zu wissen, dass ich nicht ohne Erklärung davonkommen würde, sobald Caden gegangen sein würde. Glücklicherweise ließ sie sich Caden gegenüber nichts anmerken und machte auch keine peinlichen Andeutungen. Stattdessen verabschiedete sie sich, um sich wieder in ihrem Zimmer zurückzuziehen und den Kopf in ihre dicken Wissenschaftsbücher zu stecken. Ansonsten schien niemand zuhause zu sein und Caden und ich gelangten ohne peinliches Aufeinandertreffen mit weiteren Familienmitgliedern zu meinem Zimmer.

 

Doch sobald ich die Zimmertür hinter mir geschlossen hatte, beschlich mich wieder ein schlechtes Gewissen, das Caden jedoch sofort vertrieb, indem er mich liebevoll in seine Arme zog. Sanft strich er mit seiner Hand über mein zerzaustes Haar und automatisch entspannte sich mein Körper wieder, und mit ihm mein Geist. „Ich weiß, woran du denkst, Kiley, aber zerbrich dir darüber jetzt nicht den Kopf“, flüsterte Caden leise in mein Haar. Ich löste mich ein Stück von ihm, nur so weit, dass ich ihm in die Augen gucken konnte. „Ich kann ihm aber nicht ewig aus dem Weg gehen, Caden. Ich habe mich jetzt schon wieder viel zu lange nicht gemeldet und ich muss dringend mit ihm reden. Das kann so nicht weitergehen. Ich bin es ihm schuldig, zumindest ehrlich zu ihm zu sein“, seufzte ich. „Du hast Recht“, stimmte er mir zu meiner Überraschung zu. Ich war erleichtert, dass er nicht von mir verlangen wollte, das, was zwischen uns geschehen war, zu verheimlichen. Und auch wenn ich mir sicher war, dass ich das Richtige tat, so graute es mir doch vor dem Gespräch mit Josh.

 

6. Kapitel

Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag Caden mir gegenüber, immer noch friedlich schlafend. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen und seine Haare fielen ihm in ins Gesicht. Vorsichtig strich ich ihm die Strähnen aus der Stirn und beobachtete ihn eine Weile. Ich hätte ihn stundenlang weiter beobachten können, doch Caden fing an sich zu regen. Ich stupste seine Nase mit meiner an und er blinzelte verschlafen. „Guten Morgen“, flüsterte ich. „Morgen“, murmelte er und zog mich zufrieden brummend noch enger an sich. Ich hätte nicht glücklicher sein können, als hier in diesem Moment in Cadens Armen.

 

Letzte Nacht hatten wir uns noch lange unterhalten. Caden hatte von England erzählt und von seiner Familie. Er hatte eine kleine Schwester namens Sophie, die er abgöttisch liebte, und lebte gemeinsam mit ihr und seinen Eltern in einem kleinen Haus auf dem Land. Die Bilder, die er mir gezeigt hatte, waren atemberaubend und ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie es wäre, mit Caden gemeinsam nach England zurückzureisen. Doch ich wusste, dass dieser Wunsch viel zu früh und überstürzt war. Und wieder einmal waren meine Gedanken zu Cadens Abreise gewandert und er schien gespürt zu haben, dass etwas nicht stimmte. Er hatte mich in seinen Arm gezogen, in dem ich dann nach einiger Zeit eingeschlafen war.

 

Heute Morgen jedoch zwang ich mich, die schlechten Gedanken zu verbannen. Ich würde die Zeit genießen, die uns zur Verfügung stand. Dafür musste ich jedoch zuerst mit Josh reden und das machte mir große Angst. Ich hatte Caden gestern Abend bereits anvertraut, dass ich Josh nicht verlieren wollte und dass wir beide eine Menge durchgemacht hatten, und Caden hatte es verstanden. Er versicherte mir, er würde hinter mir stehen und hatte sogar angeboten, bei dem Gespräch dabei zu bleiben, was ich jedoch ablehnte. Das würde kein schönes Gespräch werden, und auch wenn ich mir wünschte, Caden dabei an meiner Seite haben zu können, so wusste ich doch, dass dies Josh gegenüber nicht fair wäre. Ich musste mich dem alleine stellen.

 

Caden strich mir sanft mit dem Zeigefinger über die Wange und holte mich somit wieder zurück in die Gegenwart. Er schien zu wissen, worüber ich nachdachte, und lächelte mir aufmunternd zu. Ich versuchte, das Lächeln zu erwidern, doch es gelang mir nicht recht. Ich sah, dass Caden das bemerkte, doch er sprach mich nicht darauf an, was mich erleichterte. Stattdessen schlug er die Bettdecke zurück und stand auf. Enttäuscht ließ er mich allein im Bett zurück und ich grummelte unzufrieden.

 

Er warf mir einen belustigten Blick zu und war innerhalb von wenigen Sekunden wieder bei mir, um mir einen schnellen Kuss auf die Lippen zu drücken. Ich grinste wie ein verliebter Teenager und musste mir ein verträumtes Seufzen verkneifen. „Ich sollte jetzt gehen“, sagte Caden und blickte mir dabei fest in die Augen. „Deine Eltern sollten mich nicht aus deinem Zimmer schleichen sehen. Vor allem nicht, solange die Sache mit Josh und dir noch nicht geregelt ist“, erklärte er entschieden. Und auch wenn ich ihm dabei zustimmen musste, so wollte ich doch nicht, dass er schon ging. Von mir aus hätten wir ewig hier liegen bleiben können.

 

Doch ich musste mich dem Tag stellen, samt all seiner Unannehmlichkeiten. Caden und ich hatten besprochen, dass der aller erste Schritt heute war, mit Josh zu reden. Caden war kein Freund von Heimlichkeiten und ich auch nicht. Also brachte ich Caden zur Tür und er versprach mir, am Abend nach mir zu sehen. Es war noch relativ früh, weshalb der Rest meiner Familie noch schlief. Mein Herz zog sich schon unangenehm zusammen, wenn ich an die Stunden dachte, die ich herumkriegen musste, bis ich Caden wiedersah. Unglaublich, wie schnell sich alles entwickelt hatte. Ich versuchte, mich an eine Zeit zu erinnern, in der es mir mit Josh genauso ging, doch es gelang mir nicht. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen gehabt und ich fühlte mich stets geborgen bei ihm, doch noch nie hatte ich dieses Kribbeln in meinem Bauch so intensiv gespürt. Noch nie hatten sich meine Eingeweide bei dem bloßen Gedanken an jemanden so erwartungsvoll zusammengezogen wie bei Caden.

 

Ich fühlte mich, als hätte ich Josh die ganze Zeit über belogen. Doch das stimmte nicht, ich liebte ihn. Ich liebte ihn auf meine ganz eigene Weise und so gut ich konnte. Bis dahin war es die stärkste Liebe gewesen, die ich in dieser Art empfunden hatte, und ich war glücklich damit. Wir waren glücklich. Doch die Dinge hatten sich verändert, unsere Beziehung war zur Gewohnheit geworden. Wir waren noch zusammen, weil es keinen Grund gegeben hatte, etwas daran zu ändern, weil es uns beiden genügt hatte. Doch das hatte sich in dem Augenblick geändert, als ich das erste Mal in Cadens Augen geblickt hatte. Diese Erkenntnis erlaubte es mir, ein wenig freier zu atmen. Ich fasste all meinen Mut zusammen und wählte Joshs Nummer. Bereits nach dem zweiten Klingeln hob er ab. Seine Stimme klang noch leicht verschlafen, als er sich meldete.

 

„Josh, kann ich vorbeikommen?“, fragte ich und meine Stimme zitterte verräterisch. Im Hintergrund raschelte Joshs Decke. Vermutlich hatte er sich nun aufrecht hingesetzt. Er fragte nicht wieso, er stimmte bloß zu und ich war dankbar dafür. Ich wollte das Thema nicht am Handy anschneiden.

 

Als ich Josh dann in seinem Flur gegenüberstand und er mich herein bat, war ich den Tränen nahe. Er sagte nichts, er schaute mich bloß an und wartete. Ich räusperte mich, um den Klos in meinem Hals loszuwerden, doch es war sinnlos. „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, wenn ich ehrlich bin“, flüsterte ich und brachte es nicht über mich, ihm in die Augen zu sehen. Josh stieß die Luft aus und schien einen Moment nachzudenken. „Ich glaube, dass ich weiß, worum es geht“, eröffnete er mir. Erschrocken sah ich ihn an. Wie konnte er von Caden und mir wissen? Bis jetzt war nie jemand anwesend gewesen, wenn Caden und ich so vertraut miteinander umgegangen waren. „Du möchtest mir vermutlich jetzt die Gründe aufzählen, warum unsere Beziehung nicht mehr funktioniert, oder?“, fragte er. Er blickte mich dabei abwartend an, doch er schien die Antwort schon zu wissen. Sein Gesichtsausdruck zeigte jedoch keinen einzigen Funken Wut, woraus ich schloss, dass er anscheinend doch nichts von der Sache wusste, die sich zwischen Caden und mir entwickelt hatte.

 

Ich nickte leicht und versuchte, an seinen Augen seinen Gefühlszustand abzulesen. Alles, was ich sah, war Verständnis und das verblüffte mich. „Ich habe schon länger gemerkt, dass du dich von mir entfernt hast. Schon vor einigen Monaten bist du immer mehr auf Distanz gegangen und ich habe es geschehen lassen. Ich dachte, dass du zu mir zurückkommst, wenn ich dir diesen Freiraum lasse, aber damit hatte ich wohl Unrecht“, gestand er.

 

Ich brauchte einige Minuten, um über seine Bemerkung nachzudenken. Er hatte Recht, ich hatte mich schon eine ganze Zeit lang vor ihm zurückgezogen – lange, bevor ich Caden überhaupt begegnet war. „Du hast Recht“, stimmte ich ihm zu. „Mir ist es vorher nie aufgefallen, aber mittlerweile ist es mir klar geworden“, ergänzte ich, „...und es tut mir unfassbar leid!“ Den letzten Teil flüsterte ich so leise, dass ich mir nicht mal sicher war, ob Josh ihn verstanden hatte. Dabei war das doch eigentlich das Wichtigste gewesen, was ich ihm hatte sagen wollen. „Ich weiß...“, erwiderte er ebenso leise – er hatte mich gehört. Jetzt konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten. Selbst in dieser Situation, in der ich mich von ihm trennte, war er verständnisvoll. Er war nicht sauer, er verlangte noch nicht einmal eine Erklärung, obwohl ich ihm eine schuldig war. Er brauchte keine Erklärung, weil er wusste, wie es in mir aussah. Das wusste er schon immer. „Du weißt, dass ich dich liebe, Josh – und das werde ich immer tun, aber es ist nicht die Art von Liebe, die du dir von mir erhoffst und die du verdienst. Du bist ein wundervoller Mensch...“, setzte ich an, doch der Schmerz und die Angst, Josh verlieren zu können, raubten mir den Atem, und auch Josh hatte Tränen in den Augen.

 

Ich musste mich sammeln, bevor ich weitersprechen konnte, „...du bist ein wundervoller Mensch und du verdienst jemanden, der dich mit genauso viel Hingabe liebt, wie du mich geliebt hast“, endete ich. „...wie ich dich liebe...“, verbesserte er mich und blickte zu Boden. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als ich ihn so dasitzen sah, mit hängenden Schultern und gebrochenem Herzen. Ich wünschte, ich könnte ihm den Schmerz wieder nehmen, aber es war das Beste so. Für uns beide, denn ich hatte es hundertprozentig ernst gemeint, als ich sagte, er hätte jemand besseren verdient. Wir wären beide nicht glücklich geworden, wenn wir weiterhin zusammenblieben.

 

Ich schloss Josh in meine Arme, ohne darüber nachzudenken, ob ihm diese Art von Nähe in der Situation überhaupt recht war. Doch nach kurzem Zögern erwiderte er die Umarmung vorsichtig. „Danke!“, flüsterte ich und er nickte leicht. Wir lösten uns aus der Umarmung und die Situation erinnerte mich an einen Abschied. Doch ich wollte mich nicht verabschieden, nicht endgültig. Josh schien wieder einmal zu wissen, was ich dachte. „Ich brauche erst einmal Zeit, um darüber hinweg zu kommen. Aber du weißt, dass ich immer für dich da bin, wenn etwas sein sollte“, erklärte er mit beinahe fester Stimme. Ich nickte verständnisvoll. Es war naiv zu hoffen, es würde sich nichts ändern nach unserer Trennung, aber ich war dankbar, dass er mich doch nicht ganz aufgab. Ich wusste, uns würde auf ewig etwas verbinden und wir würden und gewiss nie wirklich aus den Augen verlieren, aber es würde uns beiden guttun, etwas Gras über die Sache wachsen zu lassen.

 

Auf dem Weg nach Hause war ich in Gedanken versunken, Erinnerungen von Josh und mir waberten durch meinen Kopf und ich musste lächeln. Ich bereute nichts und ich wusste, dass es Josh genauso ging, auch wenn uns jetzt eine Zeit bevorstand, die unsere Freundschaft auf eine harte Probe stellte.