Roman

Literarische Gattung erzählender Prosa, in der das Schicksal eines Einzelnen oder einer Gruppe von Menschen in der Auseinandersetzung der Umwelt geschildert wird. (Quelle: Google)

Verfasst von Tabea Weiss



Prolog

 

„Und, bist du schon aufgeregt?“ Eine Nachricht von Chloe. Meine beste Freundin kannte mich einfach viel zu gut. Ich grinste und griff nach dem Handy, um ihr zurück zu schreiben. „Na, was glaubst du wohl. An einem Tag wie diesem musst du mich so etwas nicht fragen – dafür kennst du mich zu gut. Wie sieht`s denn bei dir aus? Immer noch die Ruhe selbst, wie ich dich kenne...“ Mein Blick huschte zu der großen Uhr, die über meinem schwarzem Doppelbett hing und mein Herz stockte. Verdammt, wie konnte es nur so schnell so spät geworden sein. Ich griff mir ein Haargummi von meinem Nachttisch und knotete meine Haare zu einem provisorischen Dutt zusammen – das musste genügen, schließlich handelte es sich um meine Abschlussprüfung und Alles was da zählte, war mein Wissen, und nicht mein Aussehen. Ich angelte mir mein Handy vom Bett und ließ es in meiner Tasche verschwinden während ich die Treppe runter rannte.

 

Meine Mutter stand hinter der Kücheninsel mit einem Kaffee in der Hand und lauschte den Nachrichten. Ihr Blick löste sich keinen Augenblick von dem Fernseher, der im Wohnzimmer, das direkt neben der offenen Wohnküche lag, stand. „Guten Morgen, mein Schatz. Möchtest du auch einen?“, fragte sie abwesend und wedelte mit ihrer Kaffeetasse. Ich war jetzt schon zu spät dran, also schüttelte ich bloß den Kopf und griff nach einem Apfel aus der Obstschale. „Sorry, Mom. Keine Zeit, ich bin spät dran. Bis später, hab dich lieb!“, sagte ich, während ich bereits auf dem Weg zur Haustür war. „Viel Glück, Schatz!“, rief sie mir noch nach, doch ich saß längst in meinem kleinen Wagen.

 

Als ich auf dem Schulparkplatz ankam waren die meisten Plätze natürlich schon besetzt und ich fand nur noch einen, der viel zu weit weg vom Schulgelände war, als das ich noch rechtzeitig zur Prüfung erscheinen konnte. Ich stieß ein verzweifeltes Schnauben aus. Auf dem Weg ins Schulgebäude checkte ich nochmal mein Handy. Eine Nachricht von Josh und eine von Chloe. Chloe schrieb nur, dass sie sich Sorgen mache und wo ich bleibe und Josh wünschte mir alles Gute: „Ich glaub an dich, du schaffst das! Ich wollte dir das eigentlich persönlich sagen und habe vor dem Schließfach auf dich gewartet, aber du bist nicht aufgetaucht. Du bist bestimmt direkt zum Prüfungsraum...Ich liebe dich, du wirst das Ding rocken.“ Ich lächelte vor mich hin und vergaß völlig auf meinen Weg zu achten, bis mich jemand hart an der Schulter anrempelte und ich zu Boden fiel.

 

Einen kurzen Moment lang war ich zu geschockt, um überhaupt zu verstehen was gerade passiert war und dass ich mich nicht mehr länger auf meine Füßen stehend, sondern auf dem Boden liegend befand. Ich hielt mir die Hand an die Schläfe um mich zu konzentrieren und blickte auf. Vor mir stand ein Typ, der ungefähr in meinem Alter sein musste, den ich jedoch bis jetzt noch nie in unserer Schule gesehen hatte. Er hatte lockige braune Haare und unglaublich blaue ernst drein blickende Augen. Sein markantes Gesicht war besorgt verzogen, seine Stirn leicht gerunzelt.

 

 „Geht es dir gut?“, fragte er, während er sich beinahe schuldbewusst auf die Unterlippe biss. Ich riss meinen Blick von seinem Gesicht los und stand auf. „ Klar, alles bestens. Tut mir leid, dass ich in dich rein gelaufen bin. Ich war in Gedanken ganz woanders...“, stotterte ich verwirrt. Er packte mich vorsichtig am Arm, um mir hoch zu helfen und die Berührung ließ mich zusammen zucken. Ich entzog mich ihm erschrocken und blickte ihn überwältigt an. Sein Blick verfinsterte sich und er zog die Hand zurück und steckte sie in seine Hosentasche. „Na dann...“, sagte er, wandte sich mit einem knappen Nicken um und ging. Er war so schnell verschwunden und hatte mich vollkommen perplex zurückgelassen.

 

Was war das für eine seltsame Reaktion auf seine Berührung gewesen? Er hatte mir doch bloß helfen wollen...Außerdem fragte ich mich, wieso ich ihn vorher noch nie an unserer Schule oder in unserer kleinen Stadt gesehen hatte, schließlich standen wir am Ende des Schuljahres - und ich kurz vor den Abiturprüfungen. Die hatte ich vor lauter Aufregung ganz vergessen. Ich sammelte mein Handy und meine Tasche vom Boden auf und rannte los, doch der mysteriöse Junge wollte mir nicht aus dem Kopf gehen und ich nahm mir vor mich auf jeden Fall noch bei ihm für mein seltsames Verhalten zu entschuldigen.

 


1.Kapitel

 

Als ich aus dem Prüfungsraum trat brummte mein Kopf und ich war froh, dass ich ab nun keine weiteren Prüfungen vor mir hatte. Chloe hatte bereits früher abgegeben und wartete gemeinsam mit Josh im Flur, um mich abzufangen. „Wie ist es gelaufen?“, fragte Josh vorsichtig und zog mich in seine Arme. „Ganz gut, denke ich. Und bei dir Chloe? Du hast so früh abgegeben. Entweder warst du echt gut vorbereitet oder du hast keine Ahnung gehabt was du schreiben solltest. Ich hoffe mal ersteres ist der Fall...“, murmelte ich und ließ meinen Kopf an Joshs Brustkorb sinken. Chloe nickte nachdenklich bevor sie antwortete: „Ich hab nicht alles perfekt ausgefüllt, aber es wird schon reichen. Bestehen werde ich bestimmt, nur eben nicht mit der besten Note.“ Erleichtert seufzte ich. Keiner von uns beiden hatte Angst, die Prüfung nicht bestanden zu haben und ab jetzt begannen die allerletzten Schulferien unseres Lebens.

 

„Was haltet ihr davon, wenn wir eine Runde shoppen gehen und dann heute Abend ausgehen?“, dachte ich laut und blickte die beiden zufrieden an. Beinahe synchron nickten Josh und Chloe und schon waren die Pläne besiegelt. „Und weißt du was?“, frohlockte Josh und zog geheimniskrämerisch die linke Augenbraue hoch, „Zur Feier des Tages spendiere ich dir dein heutiges Outfit.“ Ich machte einen kleinen Freudensprung und drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange: „Wie lieb von dir, dankeschön.“ Chloe fing an zu schmollen: „Und wer spendiert mir mein Outfit?“ Ich musste schmunzeln. „Vielleicht spendiert dir Tommy nicht unbedingt dein Outfit, was man ihm auch nicht verübeln kann nach erst einem Date, aber vielleicht möchte er ja heute Abend mitkommen? Frag ihn doch mal.“ Sie schüttelte resigniert den Kopf, „Er wird eh nicht zusagen, die letzten drei Male bei denen ich ihn eingeladen habe, hat er auch abgesagt.“ „Wir haben mitten in der Prüfungsphase gesteckt. Er hatte bestimmt einfach keine Zeit bisher. Wieso hätte er sonst zugegeben, dass er dich gerne wiedersehen würde nach eurem Date – so etwas sagt man ja nicht ohne Grund.“, antwortete ich mit schüttelndem Kopf. Chloes grüne Augen hellten sich augenblicklich ein wenig auf, „Vielleicht hast du Recht...“, lächelte sie vor sich hin und drückte meine Hand. „Ich werde ihn gleich mal anrufen. Wir treffen uns dann einfach bei Cally`s, dann können wir uns noch einen Chai Latte holen bevor die große Shopping-Tour losgeht.“, und mit diesen Worten war sie auch schon hinter der nächsten Ecke verschwunden.

 

Ich blickte ihr kopfschüttelnd hinterher und musste lachen. Auch Josh sah belustigt aus und musste sich offensichtlich zusammenreißen nicht auch loszulachen. Seine Hand griff nach meiner und gemeinsam schlenderten wir Richtung Ausgang des Gebäudes auf den Parkplatz zu. „Soll ich dich später einsammeln kommen und wir fahren gemeinsam runter in die Stadt?“, fragte Josh und sah mich abwartend an. „Klar, gerne. Ich stehe dann um 15 Uhr draußen vor der Haustür, dann musst du meinen Vater nicht treffen. Sonst dauert das wieder so ewig, wenn ihr anfangt über Football zu reden.“, kicherte ich und gab ihm einen liebevollen Knuff in die Seite. Er grummelte mürrisch, doch ich wusste, dass er nicht wirklich eingeschnappt war. Ich warf ihm noch einen Luftkuss zu und setzte mich dann ins Auto.

 

Das Radio trällerte irgendeine scheußliche Musik und während ich losfuhr fummelte ich daran herum, um mein Handy zu verbinden. Als ich einen Moment hoch blickte, sah ich nur noch wie eine schwarz gekleidete Person gerade rechtzeitig einen Satz zur Seite machte. Eine Sekunde später und ich hätte denjenigen platt gefahren. Ich bremste scharf ab, zog die Handbremse an und sprang aus dem Auto. „Es tut mir unglaublich Leid, ich hab dich nicht gesehen...“, fing ich nervös an drauf los zu plappern, doch ich wurde unterbrochen, „Wohl wieder mit den Gedanken woanders gewesen, nicht wahr? Du bist wirklich eine Gefahr für alle sich frei bewegenden Lebewesen in deinem Umfeld!“, grinste der Typ, den ich beinahe umgefahren hätte und erst jetzt fiel mir auf, dass es derselbe war, den ich heute morgen schon umgerannt hatte.

 

Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und Hitze breitete sich über meine Wangen aus. Ich räusperte mich verlegen und nahm meine Hände vors Gesicht. „Du wirst doch jetzt nicht anfangen zu weinen, oder?“, fragte er erschrocken und seine tiefe Stimme hallte in meinem ganzen Körper wieder. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als seine Hände nach meinen griffen, um sie von meinem Gesicht zu nehmen. „Sieh mich an, es ist alles in Ordnung. Mir ist nichts passiert, mach dir keine Sorgen“, flüsterte er und hob mein Kinn vorsichtig mit seinem Zeigefinger an. Ich blickte in seine besorgten eisblauen Augen und hatte das Gefühl nicht wegsehen zu können. Seine Augen hielten meinen Blick gefangen und ich war mir sicher, dass er in diesem Moment bis in meine Seele hätte blicken können.

 

„Oh mein Gott, Kiley, Schatz, geht es dir gut?“, hörte ich Josh hinter mir schreien und das riss mich aus meiner Trance. Auch mein mysteriöser Gegenüber lies blitzschnell seine Hand von meinem Kinn in seine Hosentasche wandern und seine Augen wurden dunkel. Ich schluckte und wandte meinen Blick ab. Josh packte mich sanft am Arm und drehte mich um. „Ist alles in Ordnung? Was ist passiert?“, stotterte er hektisch. „Alles ist gut, Josh. Es ist nichts passiert. Ich war mit dem Radio beschäftigt und hab diesen jungen Mann hier übersehen, aber Gott sei dank konnte er noch rechtzeitig auf Seite springen.“, erklärte ich seltsam ruhig. Ich drehte mich um und wollte mich noch einmal entschuldigen, doch da stand niemand mehr.

 

Etwas die Straße runter entdeckte ich die schwarzgekleidete Person, die sich eiligen Schrittes entfernte. „Seltsam“, murmelte ich leise vor mich hin und blickte ihm noch einen Moment hinterher. „Soll ich dich nach Hause bringen?“, erkundigte sich Josh liebevoll. Ich schüttelte den Kopf, „Nein, danke. Das brauchst du nicht, mir geht’s gut. Wir sehen uns gleich bei Cally`s.“, und mit diesen Worten stieg  ich wieder ins Auto und lies Josh alleine auf dem Parkplatz stehen. Ich wusste, dass diese Reaktion ihm gegenüber nicht fair gewesen war, doch ich musste jetzt allein sein und nachdenken. Ich konnte mir nicht erklären, wieso ich so extrem auf diesen Fremden reagierte. Er hatte irgendwas seltsames an sich.

 

Der Weg nach Hause verging wie im Flug und kaum angekommen, verschanzte ich mich in meinem Zimmer mit einer großen Portion Pizza, die ich in der Küche gefunden hatte. Meine Mom hatte sie wahrscheinlich wieder für mich und Sarah bestellt, damit sie nicht kochen musste. Ich kaute gedankenverloren auf meinem Stück Pizza herum, bis mich das Klingeln meines Handys wieder in die Wirklichkeit zurückholte. Ich griff nach meiner Tasche und angelte es mit meinen fettigen Finger daraus. Chloe hatte eine Nachricht geschrieben: „ Tommy hat JA gesagt!!! Allerdings bringt er noch einen Freund mit, der momentan bei ihm zu Besuch ist. Ich hoffe das ist kein Problem. Küsschen“ Ich beschloss, ihr später zu antworten, da ich mein Handy mit meinen Fettfingern nicht komplett versauen wollte. Ich schnappte mir den Pizzakarton und machte mich auf den Weg zum Zimmer meiner großen Schwester. „Sarah?“, rief ich und vorsichtig klopfte ich an die weiß gestrichene Holztür. Nach einem kurzen Moment hörte ich ein leises „Herein!“ Ich drehte den Türknauf nach unten und balancierte den offenen Pizzakarton mit der freien Hand ins Zimmer hinein. „Ich dachte mir, du könntest bestimmt was zu essen vertragen.

 

Du verlässt dein Zimmer ja gar nicht mehr! Du bist nur noch dabei zu lernen, das ist wirklich nicht gesund.“, rügte ich sie. Sarah sah mich tadelnd an, „Für seine Zukunft muss man eben was tun. Das wirst du während deines Studiums schon auch noch merken.“ Ich stellte den Karton neben ihr auf den Schreibtisch und umarmte sie. „Ich mach mir doch nur Sorgen um dich. Du solltest auch nochmal rausgehen, Abwechslung tut einem gut.“, erklärte ich versöhnlich und sie musste lächeln. „Was hältst du davon, wenn wir morgen Abend mal was vernünftiges Kochen. Ich kann kein Fast Food mehr sehen...“, schlug sie schmunzelnd vor. Ich musste mir ebenfalls ein Grinsen verkneifen und nickte zustimmend, „Das ist eine gute Idee!“ Sie nickte und ihr Blick schweifte wieder zurück zu den vielen Biologiebüchern, die überall verteilt in ihrem Zimmer lagen. Sie kniff gestresst die Augen zusammen und seufzte. „Ich überlass dich dann mal wieder deinem Chaos, Schwesterherz. Wenn du etwas brauchst, melde dich!“, erinnerte ich sie beim Verlassen ihres Zimmers. Ich schloss die Tür während ich vernahm, dass Sarah noch leise ein „Danke!“ nuschelte.

 

Ich schnappte mir frische Sachen zum anziehen und mein Handy samt Musikbox und schloss mich im Bad ein. Eine Dusche würde mir jetzt bestimmt gut tun. Ich schaltete die Box ein und verband mein Handy damit. Ich wählte das Lied `Summer Song` aus, das ich aus dem Film `Yesterday` kannte, den ich vor Beginn der Prüfungsphase mit Chloe im Kino angeschaut hatte und schrieb Josh noch kurz, ob es bei 15 Uhr bleiben würde bevor ich unter die Dusche stieg. Das warme Wasser war entspannend und ich merkte förmlich, wie der ganze Stress der letzten Wochen von mir ab fiel. Ich ließ den Tag Revue passieren und meine Gedanken blieben bei dem Jungen hängen, den ich heute gleich zweimal fast plattgemacht hätte.

 

Ich erinnerte mich an das Gefühl seiner Hand auf meinem Arm, als er mir hoch helfen wollte und an seine Finger unter meinem Kinn, seinen intensiven Blick aus diesen unergründlichen Augen. Ich riss die Augen auf. Was sollte das? Ich stand hier unter der Dusche und dachte an die Berührungen eines anderen Mannes, während Josh wahrscheinlich schon auf dem Weg hierher war. Was hatte dieser Fremde nur mit mir gemacht? Ich wusch mir das Shampoo aus den Haaren und stellte das Wasser ab. Ich wickelte mich in ein flauschiges Handtuch und stieg aus der Dusche. Während ich mich abtrocknete und schminkte, versuchte ich an etwas anderes zu denken, wie den bevorstehenden Abend und summte dabei leise zur Musik. Ich freute mich auf den Abend und beschloss meine Gedanken jetzt allein darauf zu lenken. Ich trug etwas Wimperntusche auf, den Rest würde ich später bei Chloe machen, mit ihr zusammen. Ich föhnte meine Haare nur kurz an, da Josh jeden Augenblick da sein musste, was zur Folge hatte, dass weiche Wellen über meine Schultern fielen. Mir gefielen die offenen Haare zu der Bluse und der schwarzen Jeans und ich entschied mich es dabei zu belassen und mir keine aufwendigere Frisur zu machen. Ich verstaute die Musikbox wieder in meinem Zimmer und packte mir meine schwarze Lieblingshandtasche und mein Portemonnaie.

 

In dem Moment, in dem ich mir im Flur die Schuhe anzog öffnete sich die Haustür. Dad kam von der Arbeit nach Hause. Er runzelte die Stirn, als er sah, dass ich dabei war das Haus zu verlassen, „Willst du schon wieder weg? Ich hab gedacht, du erzählst deinem alten Herrn mal, wie deine Prüfung gelaufen ist.“ Ich warf einen Blick auf die Uhr – fünf vor drei. „Tut mir leid, Dad. Mach ich morgen, versprochen. Ich werde jetzt gleich von Josh abgeholt!“, erklärte ich schuldbewusst. „Oh, will Josh nicht noch kurz reinkommen? Das Spiel gestern war wiedermal...“, ich unterbrach ihn. „Dad, wir haben es eilig. Wir treffen noch jemanden. Nächstes Mal kommt er bestimmt gerne nochmal rein.“ Dad nickte resigniert, „Na schön, dann hau schon ab, Kleines. Viel Spaß und pass' auf dich auf!“ Ich warf ihm eine Kusshand zu und schnappte mir meine Jacke vom Haken der Garderobe, dann verließ ich das Haus.

 

 Josh's silberner Ford stand schon in der Einfahrt, als ich die Tür hinter mir zu zog. Als er mich sah, stieg er aus und ging um das Fahrzeug herum, um mir die Tür zu öffnen. „Danke!“, sagte ich und blickte ihn prüfend an, um herauszufinden in welcher Stimmung er nach dem Vorfall war. „Du hast gar nicht mehr auf meine Nachricht reagiert, Josh...“, merkte ich vorsichtig an, „ist alles in Ordnung?“. Er reagierte nicht, sondern startete bloß den Motor. „Josh?“, versuchte ich es leise erneut. Sein Blick glitt kurz über mich, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. „Was sollte das eben, Kiley? Ich hab mir Sorgen um dich gemacht und du hast mich einfach da stehen lassen, als wäre ich der letzte Vollidiot.“

 

Ich seufzte, er hatte natürlich Recht. „Josh, hör zu. Das mit eben tut mir Leid. Ich...ich war nur...“, setzte ich an, doch ich kam nicht weiter. Wie sollte ich denn erklären, was eben mit mir los gewesen war? „Du warst was?“, fragte Josh und blickte mich eindringlich an. Ich wandte den Blick ab und räusperte mich. „Ich stand unter Schock und wollte einfach nur nach Hause. Ich wollte dich nicht allein da stehen lassen...“, versuchte ich zu erklären. Ich spürte seinen wachsamen Blick auf mir ruhen, doch ich konnte ihn nicht ansehen. Ich hielt meinen Blick fest auf die Straße vor uns gerichtet und als die Ampel auf grün sprang machte ich ihn darauf aufmerksam. Keiner von uns schien noch daran interessiert zu sein, den Vorfall von vorhin weiter zu diskutieren, also schwiegen wir bis wir an der Mall ankamen.

 

Auf dem Weg vom Auto zu Cally's hatte ich mehrmals das Gefühl, dass Josh etwas sagen wollte, doch er blieb still und ich drängte ihn nicht. Chloe stand bereits in der Schlange. Sie winkte uns zu und zeigte auf einen kleinen Tisch am hinteren Ende des Ladens. Ich entdeckte ihre Sachen, die sie großzügig über den gesamten Tisch ausgebreitet hatte, um ihn als besetzt zu kennzeichnen. Hier Sitzplätze zu bekommen war wirklich schwer, da Cally einfach den besten Kaffee machte und die leckersten Cupcakes weit und breit buk. Nach 5 Minuten kehrte Chloe zu unserem Tisch zurück mitsamt zwei Chai Latte, für sie und mich und einem Cappuccino für Josh. „Heute geht auf mich. Nächstes Mal bist du wieder dran, Josh“, trällerte sie fröhlich. Josh nickte knapp, „Danke, Chloe!“ Chloe runzelte die Stirn und warf mir einen fragenden Blick zu.

 

Ich zuckte die Schultern und formte lautlos ein „Später“ mit den Lippen. Chloe verdrehte daraufhin nur die Augen und trank einen Schluck von ihrem Chai. „Also, weißt du schon, wonach du suchst für heute Abend?“, fragte ich sie, um ein lockeres Gespräch zu beginnen. Sie schüttelte den Kopf, „Ich lasse mich überraschen. Und du?“. Ich hatte mir noch gar keine Gedanken gemacht, also blickte ich zu Josh. „Ebenso. Josh, was sagst du? Da du mein Outfit bezahlen wolltest, darfst du gern auch Wünsche äußern...“, versuchte ich ihn in unser Gespräch miteinzubeziehen. Er musterte mich nachdenklich, „Dir steht sowieso alles. Mir gefällst du aber am besten ohne Klamotten. Das wäre erstens günstiger und zweitens definitiv aufregender!“

 

Ich atmete hörbar aus. Als ich das schelmische Blitzen in seinen Augen bemerkte, wusste ich, dass der Streit aus der Welt geschafft war – er hatte mir verziehen. Ich musste lächeln und er nahm meine Hand und küsste sie. „Wenn Kiley nackt geht muss ich aber auch nackt gehen, sonst hab ich doch keine Chance bei Tommy!“, schnaubte Chloe gespielt frustriert und wir brachen in schallendes Gelächter aus. Die anderen Gäste musterten uns abschätzend und wir versuchten unser Gekicher wieder unter Kontrolle zu bekommen. „Ich glaube, das ist unser Stichwort. Lasst uns lieber freiwillig zum Shoppen aufbrechen, bevor wir noch rausgeschmissen werden.“, flüsterte ich atemlos und die anderen beiden nickten zustimmend.


2. Kapitel

 

 

Die Shopping-Tour war super erfolgreich gewesen. Chloe hatte sich in ein echt heißes, eng anliegendes Samtkleid in einem dunklen Rot verliebt und es direkt mitgenommen und ich hatte mich für einen schwarzen, eleganten Jumpsuit entschieden, der am Rücken tief ausgeschnitten war und vorne herum mein Dekolleté schön mit Spitze betonte. Nun waren Chloe und ich bei ihr zuhause und machten uns fertig, während Josh sich bei ihm umzog, da er kein Outfit gefunden hatte, dass ihm so richtig gefiel. Wir hatten abgesprochen, dass wir uns um 11 Uhr im Paradise treffen wollten, wo nicht nur die Stimmung, sondern auch die Cocktails großartig waren, doch bis dahin hatten wir noch eine Stunde Zeit. Chloe hatte passend zu der Farbe ihres Kleides einen Lippenstift ausgesucht, der ihr unglaublich gut stand. „Willst du den auch benutzen? Ansonsten hast du nur schwarze Sachen an und silbernen Schmuck. So ein Kontrast sieht bestimmt super aus!“, riet sie mir, während sie ihre Wimpern nachtuschte. Ich nickte und trug den Lippenstift auf.

 

Chloe hatte Recht, er gefiel mir, er ließ meine Lippen noch voller wirken, als sie sowieso schon waren. Ich gab ihr den Lippenstift zurück und sie verstaute ihn in ihrer Clutch. Ich kramte meine Lidschattenpalette aus meinem Schminktäschchen hervor und entschied mich für einen dunklen, matten Grauton. Ich zog einen schwarzen Lidstrich und setzte mit ein wenig silbernem Glitzer noch ein paar Akzente. Meine grauen Augen kamen so wundervoll zur Geltung, doch etwas störte mich noch.

 

Chloe erschien hinter mir und hielt meine Haare hoch. Ich grinste. „Du kennst mich viel zu gut“, gestand ich ihr zu. „Ich wusste doch, dass dich was stört. Hier, ich leih dir meine Klammern.“, sagte sie und reichte mir ein kleines Döschen. Ich band mir die Haare in einem lockeren Pferdeschwanz zusammen und wickelte eine Strähne um das Haargummi, um es zu verstecken. Ich befestigte alles mit einer Klammer und betrachtete mich dann noch einmal im Spiegel. Ich nickte meinem Spiegelspiel zufrieden zu und wandte mich zu Chloe um. „Kannst du mir mal kurz mit dem Armband helfen“, bat sie mich und reichte mir das silberne Schmuckstück. Ich half ihr, den Verschluss zu bedienen, und sie dankte mir mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange.

 

Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass wir noch eine halbe Stunde Zeit hatten. „Machst du mir Locken?“, bettelte meine beste Freundin und ich zauberte den Lockenstab hinter meinem Rücken hervor. „Ich wusste, dass die Frage kommt!“, grinste ich und steckte ihn ein. „Und, bist du nervös wegen heute Abend?“, fragte ich, während ich die erste Locke aufwickelte. „Na was denkst du denn?“, entgegnete sie mit hoher Stimme und klimperte entzückt mit den Wimpern. „Er kann gar nicht anders, als dich großartig zu finden.“, bemerkte ich und legte meine Hand zur Beruhigung auf ihre Schulter. „Hoffentlich bemerkt er mich überhaupt und redet nicht nur mit seinem Kumpel über Autos oder Games oder so einen Schwachsinn...“, seufzte sie und warf einen besorgten Blick in den Spiegel. „Apropos, wer ist eigentlich der Freund, den er mitbringen will? Hat er irgendwas erzählt?“, erkundigte ich mich neugierig. „Soweit ich weiß, ist er zu Besuch da und wohnt eigentlich in England. Er und Tommy kennen sich wohl noch von früher. Tommy hat ja, bevor er mit seiner Familie nach hier gekommen ist, auch in England gewohnt“, antwortete Chloe achselzuckend, „aber ich kenne nicht mal seinen Namen.“

 

Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging, war, dass er es war. In meinem Magen begann es verräterisch zu kribbeln und ich versuchte zu verdrängen, dass es mich nervös machte, dass ich ihn vielleicht wiedersehen würde. „Kiley, hörst du mir überhaupt zu?“, erkundigte sich Chloe belustigt. „Entschuldige, was hast du gesagt?“, stotterte ich und rieb mir mit dem Zeigefinger über die Nasenwurzel. „Du bist ja total woanders. Was ist denn los mit dir? Falls du dir irgendwelche Sexfantasien mit Josh ausmalst, musst du dich bitte noch etwas gedulden“, zwinkerte sie verschwörerisch. Ich zuckte zusammen, denn das schlechte Gewissen machte sich wieder breit.

 

Statt an Josh dachte ich viel zu sehr an ihn. Wo auch immer diese merkwürdige Anziehungskraft zwischen uns herkam, ich musste es ignorieren. Nicht nur Josh zu Liebe oder weil man ihn, dank mir, fast zweimal von der Straße hätte kratzen können, sondern auch weil ich das Gefühl nicht loswurde, dass er nicht gut für mich sein würde. Er brachte mein Leben jetzt schon durcheinander, dabei wusste ich noch nicht mal seinen Namen. Ich schüttelte mich, um die Gedanken zu verscheuchen, und setzte ein Lächeln auf.

 

Gehen wir? Das Taxi müsste jeden Moment da sein...“, bemerkte ich und Chloe erhob sich nickend von ihrem Schminksessel. „Los geht’s!“, kreischte sie und klatschte erfreut in die Hände. Mit den Worten zog sie mich zur Haustür und ab da blieb mir überhaupt keine Zeit mehr, um an irgendetwas zu denken. Der Taxifahrer war so freundlich, die Musik laut aufzudrehen, und Chloe und ich sangen lauthals mit, um die Feierstimmung einzuleiten. Die Fahrt verging wie im Flug und als wir dankend bezahlten, entdeckten wir Tommy und einen gut gebauten jungen Mann, der mit dem Rücken zu uns stand, die vor dem Paradise warteten. Als Tommy uns entdeckte, tippte er seinem Begleiter auf die Schulter und zeigte in unsere Richtung.

 

Als er sich zu uns umwandte, setzte mein Herz eine Sekunde aus. Natürlich hatte ich Recht behalten und vor mir stand niemand anderes, als der, um den meine Gedanken schon seit unserem ersten Zusammenstoß kreisten. „Verflucht...“, entfuhr es mir leise und Chloe wandte mir irritiert das Gesicht zu und zog fragend die Augenbrauen hoch. Mit einem aufmunternden Lächeln versuchte ich sie zu überzeugen, dass es mir gut ging und sie zuckte zustimmend mit den Schultern. Ich blickte auf und alles, was ich sehen konnte, waren diese unfassbar blauen Augen, die mich aufmerksam musterten.

 

Du schon wieder!“, flüsterte er und ein schelmisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Caden, du kennst Kiley schon?“, fragte Tommy überrascht und auch Chloe sah uns neugierig an. Ich nickte und wusste nicht genau, wie ich die Situation kurz und bündig erklären sollte, doch Caden kam mir zu Hilfe, „Wir sind ein paar Mal aufeinander gestoßen – wortwörtlich!“, beschrieb er und zwinkerte mir zu. Ich merkte, wie ich rot wurde, und senkte den Blick. „Stimmt...“, nuschelte ich leise. „Hey Leute!“, hörte ich jemanden hinter uns rufen. Ich wollte Caden einen kurzen unbemerkten Blick zuwerfen, um ihn zu mustern, doch er ertappte mich und sah mir direkt in die Augen. Ich schrak auf, als ich merkte, wie sich zwei Arme von hinten um mich schlossen. Josh gab mir einen Kuss auf die Wange und beinahe wäre ich zusammengezuckt. Was war nur los mit mir? Ich wandte mich zu Josh um und küsste ihn. Jetzt waren alle unausgesprochenen Fragen geklärt und es war klar, dass ich zu ihm gehörte. Doch tief im Inneren wusste ich, dass ich nicht Josh oder Caden davon überzeugen wollte, sondern vor allen Dingen mich selbst.

 

Dieser Gedanke wollte mir den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf gehen und meine Laune verschlechterte sich stetig.

 

Als wir endlich im Club waren, nachdem wir eine halbe Stunde in der Schlange hatten warten müssen, war ich bereits nicht mehr in Feierlaune, sondern wollte einfach nur nach Hause auf meine Couch. Chloe bemerkte glücklicherweise nichts davon, da sie zu sehr auf das Gespräch mit Tommy konzentriert war und darauf, ihm schöne Augen zu machen. Immerhin konnte sie mich so nicht ausquetschen und Fragen stellen, die ich ihr nicht beantworten können würde. Doch Josh fiel auf, dass ich ungewohnt still war und stupste mich fragend an. Als ich nicht reagierte versuchte er es anders, „Du siehst hübsch aus!“ „Danke, lieb von dir.“, murmelte ich abwesend. „Ich gehe kurz auf die Toilette“, verkündete ich und machte mich auf, ohne einen einzigen Blick zurück zu werfen.

 

Ich ging durch den dunklen Flur und mir kamen zwei betrunkene Mädels Arm in Arm entgegen. Die Musik wummerte durch meinen Körper hindurch und erfüllte mich. Ich spürte, wie mich jemand am Arm packte, und wurde, ohne dass ich Zeit gehabt hätte zu reagieren, hinter die nächste Garderobe gezogen. Bevor ich schreien konnte, legte sich schon eine Hand sanft über meinen Mund. Ich wandte mich um und sah Caden vor mir stehen. Er zog mich an sich und drehte mich um, so dass ich mit dem Rücken an der Wand stand. Langsam ließ er seine Hand von meinem Mund gleiten und strich dabei behutsam mit seinem Daumen über meine Unterlippe. In meinem Bauch zog sich etwas zusammen und ich konnte die Berührung seiner Finger noch immer spüren, obwohl sich seine Hand schon längst nicht mehr an Ort und Stelle befand. Stattdessen hatte er beide Hände auf Hüfthöhe neben mir an der Wand abgestützt. Gefangen zwischen seinen Armen stand ich da, unfähig zu atmen. Caden blickte mich unverwandt an. „Ich wollte mich unbedingt nochmal persönlich vorstellen...“, flüsterte er heiser. „Ich bin Caden“, fuhr er fort und ich ließ hörbar die Luft entweichen, die ich so verkrampft angehalten hatte. Als ich nichts antwortete, sprach er weiter. „Ich finde das Kompliment, das dir dein Freund da eben gemacht hat, war unangemessen.“ Er lehnte sich weiter nach vorne und sein herber Duft hüllte mich ein. Als er fortfuhr, streiften seine Lippen mein Ohrläppchen und ein Zittern ging durch meinen Körper. „Du siehst nicht hübsch aus, Kiley. Du siehst unfassbar heiß aus...“

 

Ich brauchte einen Moment, um das, was er da gerade gesagt hatte, zu verstehen. Caden ließ wieder etwas mehr Luft zwischen uns und sofort vermisste ich die Wärme, die sein Körper ausgestrahlt hatte. Ich ließ meinen Blick langsam über sein Gesicht wandern. Von den geschwungenen Augenbrauen zu seinen blauen Augen, die von unverschämt langen schwarzen Wimpern umrahmt wurden. Dann weiter zu seiner Nase und seinen markanten Wangenknochen. Ich hob die Hand, um sie mit meinen Fingern nachzumalen, und ließ sie dann weiter wandern, hinunter zu seinen vollen Lippen. Mit einer so zarten Bewegung hatte er wohl nicht gerechnet, denn man sah ihm seine Überraschung einen kurzen Augenblick an. Doch er hatte seinen Gesichtsausdruck schnell wieder unter Kontrolle und begann nun auch, seinen Blick langsam über mein Gesicht schweifen zu lassen. Doch auch wenn er mit seinen Augen kurz an meinen Lippen hängen blieb, so verweilte er doch nicht lange dort, sondern setzte seinen Weg über meinen kompletten Körper hin fort.

 

Ein Schauern durchfuhr mich, als ich sah, wie dunkel und hungrig sein Blick wurde. Noch nie hatte mich Josh mit einem solchen Verlangen angesehen und ich genoss es. Sein Gesicht näherte sich meinem und er stoppte erst, als sein Mund nur noch einen Millimeter von meinem entfernt war. „Lass uns hier verschwinden. Du wolltest den Abend von Anfang an lieber woanders verbringen...“ „Ich will Pizza...“, entfuhr es mir und ein erstaunter Ausdruck breitete sich auf Cadens Gesicht aus. Ich schlug mir entsetzt die Hand vor den Mund. Ich hatte keine Ahnung, wieso mir das jetzt laut raus gerutscht war, denn das letzte, an das ich jetzt denken konnte, war Essen. Mein Körper hatte einfach komplett die Kontrolle übernommen und mein Gehirn sich scheinbar ausgeschaltet. Ein belustigtes Funkeln trat in Cadens Augen und er schüttelte lachend den Kopf. „Na dann. Los, raus hier. Lass uns Pizza besorgen!“

 

Mit den Worten nahm er meine Hand und zog mich zurück durch den Flur Richtung Ausgang. „Sollten wir den anderen nicht Bescheid sagen und sie fragen, ob sie mitkommen wollen?“, bemerkte ich nervös. Caden sah mich stirnrunzelnd an, „Denkst du wirklich, das ist eine gute Idee? Schreib ihnen eine Nachricht, dass es dir nicht gut ging und du nach Hause gegangen bist.“ Ich zog mein Handy aus der kleinen Tasche und schrieb Josh schnell eine Nachricht und bat ihn darum, auch Chloe zu informieren, damit sie sich keine Sorgen machte. Dann schob ich das Handy in meine Tasche zurück und verdrängte das aufkommende mulmige Gefühl, weil ich genau wusste, dass das, was ich hier tat, nicht richtig war. Caden blickte mich abwartend an, „Bist du bereit?“ Ich nickte und griff nach der Hand, die er mir entgegen streckte. „Also dann, wo gibt es die beste Pizza? Ich kenn' mich hier nicht aus und bin dir völlig ausgeliefert“, grinste er. Anstatt ihm eine Antwort zu geben, fing ich an zu rennen und zog ihn hinter mir her. „He, haben wir es so eilig?“, keuchte Caden hinter mir, der bereits nach zwei Minuten außer Atem war. „An deiner Kondition müssen wir aber noch arbeiten...“, lachte ich und warf ihm einen kurzen Blick zu. „Wenn du wüsstest...“, murmelte er und zog mich ruckartig zurück, so dass ich meinen Rücken an seinem Brustkorb anlehnen musste, um nicht umzufallen. Mein Atem stockte, als mir bewusst wurde, wie nah wir uns waren.

 

Caden ließ seine Hand über meine rechte Wange meinen Hals hinab streichen und schob mir dann zärtlich eine Haarsträhne, die sich aus meinem Zopf gelöst hatte, hinters Ohr. „Wir sind da, Caden.“, murmelte ich benommen und nach einem kurzen Zögern trat er neben mich. „Ich glaube, mir ist der Hunger auf Pizza vergangen, Kiley“, hauchte er und bevor ich mich wehren konnte, zog er mich in Richtung des nächsten Taxis. Er öffnete mir die Tür, stieg nach mir ein und ohne nachzudenken nannte ich meine Adresse.

 

Meine Eltern würden, wie jeden Freitag, aus sein und erst spät zurück kommen und Sarah schlief vermutlich schon. Caden ließ seinen Daumen stetig an meinem Handgelenk auf- und abwandern und ich musste mich zusammenreißen, damit er nicht merkte, wie sehr ich schon auf so eine simple Berührung von ihm reagierte.

 

Und plötzlich war da dieser Aufschrei in meinem Inneren, der mir klarmachte, dass das, was ich hier tat, falsch war. So wollte ich nicht sein. „Stopp...“, flüsterte ich leise. Caden blickte mich einfach nur an. „Stopp!“, wiederholte ich, dieses Mal lauter und energischer und ich konnte förmlich sehen, wie er sich emotional zurückzog. Seine Augen verschlossen sich und er ließ von meiner Hand ab. Er rutschte ein Stück von mir weg und räusperte sich. „Caden...“, hauchte ich und wollte zu einer Erklärung ansetzen, doch er ließ mich nicht dazu kommen. „Du musst mir nichts erklären, Kiley. Ich habe schon verstanden.“, sagte er mit fester Stimme und wandte sich dem Taxifahrer zu. „Halten sie bitte an.“ Dieser nickte bloß und hielt am Straßenrand. Als ich mich zu Caden umwenden wollte, war er bereits ausgestiegen und schmiss die Tür geräuschvoll zu.

 

Ich seufzte frustriert und ließ mich tiefer in den Ledersitz sinken. Während das Taxi wieder anfuhr, sah ich aus dem Fenster und beobachtete die vorbeiziehenden Häuser der hell erleuchteten Nacht. Überall waren Leute unterwegs, es herrschte ein aufgeregtes Treiben, jetzt wo alle Prüfungen geschafft waren und die Ferien bevorstanden. Doch mir war nicht mehr nach Feiern zumute. Ich wollte einfach nur noch nach Hause und mich in meinem Bett verkriechen, mich meinem schlechten Gewissen hingeben und nie wieder das Haus verlassen. Ich schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als der Wagen sanft zum Stehen kam.

 

Ich begrüßte die kalte Nachtluft, die mich umfing, und entschied mich, noch eine Runde um den Block zu spazieren, um einen freien Kopf zu bekommen. Ich musste unbedingt mit Josh reden und just in dem Moment spürte ich, wie mein Handy brummte. Ich zog es aus meiner Jackentasche und erschrak, als ich die fünf verpassten Anrufe von Josh darauf entdeckte. Auch Chloe hatte mir geschrieben, wieso ich so überstürzt aufgebrochen wäre und ob es mir gut ginge. Ich simste ihr kurz, dass bei mir alles in Ordnung sei, dann wählte ich zögernd Joshs Nummer. Ich hob das Handy an mein Ohr und atmete nervös aus, als Josh sich sofort an der anderen Seite meldete. Ich hätte vorher meine Gedanken ordnen sollen, denn ich bekam keinen Ton heraus.

 

Kiley? Geht´s dir gut?“, klang Joshs sorgenvolle Stimme an meinem Ohr und mein ohnehin schon schlechtes Gewissen verstärkte sich. „Josh, es tut mir so leid. Mir geht’s gut, ich bin jetzt zuhause, mach dir keine Sorgen.“, flüsterte ich schuldbewusst und ich merkte, wie sich Joshs Besorgnis in Ärger verwandelte. „Was ist nur los mit dir heute? Du bist den ganzen Tag schon komisch drauf, lässt mich immer wieder stehen...“, sprach er genervt. Ich seufzte resigniert und schüttelte den Kopf, auch wenn er das natürlich nicht sehen konnte. „Heute ist einfach nicht mein Tag. Ich verspreche dir, dass morgen alles wieder beim Alten sein wird. Ich melde mich...“, erklärte ich und ohne groß nachzudenken, hatte ich schon aufgelegt.

 

Verdammt! Ich schaltete das Handy aus, um sicherzugehen, dass ich mir keine weiteren Dummheiten durchgehen ließ, und steckte es zurück in meine Tasche. Auf dem Weg nach Hause fasste ich einen Entschluss: Ich würde das mit Josh in Ordnung bringen und was auch immer das mit Caden gewesen war – es würde nicht wieder vorkommen. Ich würde ihm in der restlichen Zeit, in der er hier war, einfach aus dem Weg gehen.


Kapitel 3

 

 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, brummte mein Schädel und der Grund dafür waren bestimmt nicht die drei Margaritas von gestern Abend. Ich stöhnte beim Gedanken an die vergangene Nacht und zog mir die Decke schützend über den Kopf, in der Hoffnung, damit alle Erinnerungen verscheuchen zu können. Doch es war sinnlos, ich würde sowieso nicht mehr einschlafen können. Ich fuhr mir mit den Händen durchs Gesicht und rieb mir die Augen. Verschlafen tapste ich Richtung Bad und wäre fast mit Sarah zusammengestoßen, die mir entgegen kam. Ihre Haare waren zerzaust und standen in alle Richtungen ab, unter ihren Augen fanden sich dunkle Ringe wieder. Sie sah total fertig aus. „Morgen“, nuschelte ich, „geht´s dir gut? Du siehst aus, als hättest du überhaupt nicht geschlafen.“ Ich bekam nur ein verzweifeltes Schnauben als Antwort, während sie an mir vorbei zurück in Richtung ihres Zimmers schlurfte. Ich musste grinsen. Ich war mir sicher, dass niemand so viel für das Studium tat wie Sarah.

 

Ich schloss mich im Bad ein und nahm eine ausführliche Dusche, bis es ungeduldig an der Tür klopfte. „Kiley, du stehst schon fast eine Stunde unter Dusche und andere Leute wollen auch noch ins Bad...“, klang Moms verärgerte Stimme. Widerwillig stellte ich das Wasser ab und schob mich, in ein Handtuch gewickelt, an ihr vorbei. Während ich mich anzog, fasste ich den Entschluss, nach dem Frühstück bei Josh vorbeizufahren, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Ich schnappte mir mein Handy und warf einen Blick darauf. Auf dem Display stand eine einzige Nachricht von einer unbekannten Nummer. Ein komisches Gefühl machte sich in mir breit und ich beschloss, das Öffnen der Nachricht bis nach dem Frühstück aufzuschieben. Ich steckte das Handy in meine Hosentasche und nahm immer zwei Stufen auf einmal auf meinem Weg nach unten in die Küche. Samstags musste Dad immer erst spät arbeiten, kam dafür aber erst Sonntagabend von seiner Schicht wieder, weshalb er die Gelegenheit nutzte, uns vorher Omelettes zum Frühstück zu machen. Mittlerweile war es zu einer Art Familientradition geworden, die wir alle sehr genossen. Sarah saß schon am Tisch, immer noch in den selben Sachen und mit ungekämmten Haaren, und ich schüttelte unmerklich besorgt den Kopf, als ihr ein lautes Gähnen entfuhr und sie sich murmelnd entschuldigte. Ich setzte mich auf meinen Platz und der Geruch von meinem Omelette, das vor mir auf dem Teller lag, stieg mir in die Nase. Mein Bauch knurrte laut und Dad, der gerade ebenfalls am Tisch Platz nahm, grinste mich an. „Warten wir nicht auf Mom?“, fragte ich mit vollem Mund und Dad warf mir einen tadelnden Blick zu. „Dadurch, dass du das Bad über eine Stunde besetzt hast, steht sie ein bisschen unter Zeitdruck und schafft es heute nicht, mit uns zu frühstücken“, antwortete er seufzend. „Ich wusste nicht, dass sie gleich weg ist...“, murmelte ich entschuldigend. „Schon gut, Schatz“, ertönte Moms Stimme aus dem Flur. „Ich treffe mich gleich mit einer Arbeitskollegin auf einen Kaffee. Ich hole mir auf dem Weg einfach noch schnell ein Brötchen“, erklärte sie beschwichtigend und warf uns einen Luftkuss zu, so, wie ich es immer tat, wenn ich es eilig hatte. Sie schnappte sich ihre Jacke vom Haken und wir hörten nur noch, wie die Türe hinter ihr ins Schloss fiel.

 

Das erinnerte mich an meine Pläne, die ich für nach dem Frühstück hatte, und der Appetit verging mir. Das würde mit Sicherheit kein schönes Gespräch werden. Ich wollte mein Handy aus der Hosentasche ziehen, um Josh vorzuwarnen, dass ich mich gleich auf den Weg zu ihm machen würde, doch Dad schüttelte den Kopf. „Keine Handys am Tisch während wir essen, Kiley. Du kennst die Regeln“, brummte er und deutete auf den weißen großen Bilderrahmen, der an der Wand hing. Darin standen fein säuberlich aufgeschrieben und mit Blumen verziert seit zehn Jahren unsere Familienregeln. Ich seufzte, stopfte das Handy zurück in die Hosentasche und stocherte lustlos in meinem Essen herum. „Schmeckt es dir nicht?“, fragte Dad sichtlich enttäuscht und sofort schüttelte ich vehement den Kopf. „Ich habe mich mit Josh gestritten und...“, setzte ich zu einer Erklärung an, doch er unterbrach mich. „Sag das doch, Schätzchen. Na los, fahr zu ihm und klärt das Ganze.“ „Danke, Dad. Ich hab dich lieb!“, lächelte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Ich winkte Sarah kurz über den Tisch hinweg zu, doch sie realisierte es kaum. Ohne mir eine Jacke mitzunehmen, hastete ich mit meinem Autoschlüssel in der einen und meinem Handy in der anderen Hand zur Tür hinaus. Ich wollte dieses Gespräch so schnell wie möglich hinter mich bringen. Als ich hinter dem Steuer saß und einen Blick in den kleinen Spiegel über mir warf, fiel mir auf, dass ich immer noch nasse Haare hatte und ungeschminkt war. Ich rieb mir genervt mit dem Zeigefinger über die Nasenwurzel.

 

Auf der kurzen Fahrt zu Joshs Haus versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen und mir ein paar Sätze zurecht zu legen, doch sobald ich mein Auto vor seiner Haustür geparkt hatte, war mein Kopf wie leer gefegt. Ich atmete laut aus und sammelte mich, dann stieß ich die Tür auf und stieg aus. Ich drückte, wie gewohnt, dreimal kurz hintereinander auf die Klingel und nach nur wenigen Sekunden ertönte das vertraute Surren des Türöffners.

 

Während ich die Stufen hinauf zur zweiten Etage nahm, in der Josh seine eigene kleine Wohnung hatte, vernahm ich, wie sich die Haustür seiner Eltern im Erdgeschoss öffnete. „Kiley, Süße, Josh ist noch nicht da. Willst du nicht vielleicht hier unten warten und uns ein wenig Gesellschaft leisten?“, tönte die fragende Stimme von Diana, Joshs Mutter, zu mir hinauf. Diana hatte ihren Kopf halb aus der Tür gestreckt und blickte mich erwartungsvoll lächelnd an. Eigentlich verbrachte ich gerne Zeit mit Joshs Familie, jedoch war mir die Situation unangenehm, da ich nicht genau wusste, wie viel Josh Diana über unseren Streit erzählt hatte. Ihrem einladenden Lächeln hatte ich jedoch nichts entgegenzusetzen, also folgte ich ihr in den kleinen Flur, der von unzähligen Familienfotos gesäumt war. Ich nahm im Wohnzimmer Platz, während sie uns einen Kaffee aufsetzte.

 

Nervös rieb ich mir mit den Händen über die Oberschenkel, unschlüssig, wohin mit ihnen. Wieso war ich plötzlich so nervös in ihrer Gegenwart? Ich war seit drei Jahren mit Josh zusammen und vorher waren wir eine lange Zeit sehr gute Freunde gewesen. Ich kannte Diana mittlerweile also schon circa vier Jahre, in denen sie beinahe zu einer Art zweiten Mutter für mich geworden war, und doch hatte sich etwas geändert – ich hatte mich geändert. Mein schlechtes Gewissen machte es mir unmöglich, mich wohl zu fühlen, und als Diana mit den zwei dampfenden Kaffeetassen den Raum betrat, konnte ich ihr nicht in die Augen sehen. Sie stellte die zwei Tassen auf dem alten Eichenholztisch vor uns ab und blickte mich abwartend an. Als ich nur ein nervöses Räuspern zustande brachte, ergriff sie beinahe vorsichtig das Wort. „Was ist los bei euch Zweien, Kiley? Irgendetwas stimmt doch nicht“, erkundigte sie sich und hob dabei forschend die Augenbrauen. Um mir etwas Zeit zum Nachdenken zu verschaffen, was und wie viel ich ihr erzählen konnte, griff ich nach einer der beiden Tassen.

 

Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als die Wohnungstür geöffnet wurde und Josh plötzlich im Flur stand. „Kiley? Was machst du hier?“, fragte er überrascht. „Kiley wollte eigentlich zu dir, aber du warst noch nicht zurück, also habe ich sie eingeladen, mir so lange etwas Gesellschaft zu leisten“, erzählte sie, während sie ihre Hand sanft auf meinen Unterarm legte. Eine beruhigende Geste, die mir zeigte, dass ich erwünscht war. Ich hob den Blick und sah Josh direkt an. „Ich wollte dich sehen und nochmal mit dir reden. Es tut mir Leid, wie ich mich verhalten habe, Josh“, setzte ich an und sein Blick wurde weicher. „Ich lasse euch zwei besser mal allein“, bemerkte Diana und wollte sich erheben. „Bleib sitzen, Mom. Wir gehen zu mir rauf“, sagte Josh in meine Richtung, was ich als Aufforderung wahrnahm, und ich erhob mich.

 

Sobald wir in Joshs Wohnung waren, schloss er mich in seine Arme und ich stieß überrascht die Luft aus. Er lachte leise und zog mich nur noch enger an sich. „Josh...“, nuschelte ich in seinen Pulli und wollte zu einer weiteren Entschuldigung ansetzen. „Schon gut Kiley, ich weiß, dass es dir Leid tut“, unterbrach er mich und legte seinen Kopf an meinen, wobei seine blonden Haare mich kitzelten. Er suchte meinen Blick und ich erwiderte ihn dankbar. Er legte seine Lippen sanft auf meine und signalisierte mir so, dass ich nichts weiter sagen brauchte. Ich hatte nicht gedacht, dass das so einfach werden würde, aber hatte auch das Gefühl, dass von meiner Seite aus noch nicht alles Wichtige angesprochen worden war.

 

Fürs Erste genügte mir diese Versöhnung jedoch und zufrieden erwiderte ich seine Umarmung. Nachdem einige Minuten verstrichen waren, in denen wir uns einfach nur festhielten, löste sich Josh langsam von mir. „Tommy müsste jeden Augenblick hier sein, wir waren zum Zocken verabredet“, erklärte Josh entschuldigend mit einem Blick auf die Uhr. „Kein Problem, ich wollte das mit uns nur geklärt haben, das hat mich beschäftigt“, gab ich zu. Ich gab ihm einen flüchtigen Kuss, und kurz bevor ich die Haustür erreichte, hörte ich Josh von oben „Ich liebe dich!“ rufen und sein Kopf tauchte zwischen dem Geländer auf. Ich lächelte ihn an und warf ihm einen Luftkuss zu.

 

Auf der Heimfahrt machte ich mir Gedanken, warum ich Joshs „Ich liebe dich“ schon so lange nicht mehr erwidert hatte. Ich hasste es, wenn wir uns stritten, und ich konnte mir kein Leben vorstellen, in dem er nicht vorkam. Ich wollte ihn auf keinen Fall verlieren, er bedeutete mit unglaublich viel, und doch konnte ich sein „Ich liebe dich“ nicht so einfach erwidern. Mein Kopf schwirrte und ich beschloss, mich bei Chloe zu melden. Auf dem Display leuchtete die unbekannte Nummer auf. Ich war mir sicher, dass es niemand anderes als Caden sein würde, und mein Verdacht bestätigte sich, als ich die Nachricht öffnete. „Es tut mir Leid, Kiley. Du bist vergeben und ich hätte mich da nicht einmischen sollen. Vielleicht können wir all das vergessen, aber wenn du es wünschst, werde ich mich ab jetzt von dir fernhalten. Es liegt bei dir. -C“. Ich traute meinen Augen nicht. Nachdem ich die Nachricht ungefähr zehn mal wieder und wieder gelesen hatte, steckte ich das Handy zurück in die Hosentasche, ohne zu antworten. Ich verwarf den Plan, Zeit mit meiner besten Freundin zu verbringen, ich brauchte etwas Zeit für mich.

 

Zuhause verschanzte ich mich in meinem Zimmer, setzte mir die Kopfhörer auf und drehte die Musik so laut, bis sie alle Gedanken vertrieben hatte. Ich starrte eine gefühlte Ewigkeit an die Decke über meinem Bett und schloss die gesamte Außenwelt aus, bis Sarah plötzlich in meinem Blickfeld auftauchte. Sie wedelte mit den Händen und ihre Lippen bewegten sich, doch ich verstand keinen Ton. Genervt zog sie den Kopfhörerstöpsel aus meinem Handy und abrupt wurde es still. Ich verzog das Gesicht, als würde mir die Stille körperliche Schmerzen bereiten.

 

„Erde an Kiley?“, fragte Sarah ungeduldig. „Entschuldige...“, brummte ich „was gibt’s?“ „Ich wollte jetzt einkaufen gehen für heute Abend“, bemerkte Sarah, „Kommst du mit?“

 

Im Supermarkt war es laut und voll, das Gegenteil von dem, was ich im Moment bevorzugen würde. Als ich mich am Kühlregal nach dem Schmand bücken wollte, wurde ich unsanft von der Seite angerempelt und schaffte es nur, mich auf den Beinen zu halten, indem ich mich an meinem linken Nachbarn abstützte. Dieser wandte sich daraufhin irritiert zu mir um und ich erstarrte. Eisblaue Augen musterten mich überrascht. Caden. „Das ist wohl unser Ding, hm?“, lachte er, offensichtlich unsicher, wie er sich mir gegenüber verhalten sollte, nachdem ich nicht auf seine Nachricht reagiert hatte. „Anscheinend ja“, entgegnete ich lächelnd und schob mir nervös eine Haarsträhne hinters Ohr, die sofort wieder nach vorne fiel. Cadens Hand zuckte kaum merklich, als hätte er kurzzeitig daran gedacht, mir die Strähne erneut hinters Ohr zu schieben. „Ich sollte weiter, meine Schwester wartet auf mich“, erklärte ich, um die unangenehme Situation zu beenden, und drehte mich auf dem Absatz um.

 

„Wer war das denn?“, fragte Sarah neugierig, als ich zum mittlerweile gut befüllten Einkaufswagen zurück kehrte. „Ein Freund von Tommy, er ist nur zu Besuch hier“, antwortete ich betont desinteressiert. Sarahs Blick glitt erneut über Caden, der sich keinen Zentimeter von der Kühltruhe wegbewegt hatte und immer noch in unsere Richtung blickte. „Er ist heiß“, bemerkte Sarah und sah mich schmunzelnd an. „Ist er noch zu haben?“ Ich schnaubte genervt. „Er ist vor allem viel zu jung für dich.“ Bei meinem verärgerten Tonfall musterte mich Sarah kritisch und ich murmelte verlegen eine Entschuldigung. Ich hätte sie nicht so anfahren dürfen, ich wusste, dass sie nur einen Scherz gemacht hatte. Ich wollte meiner Überreaktion jedoch nicht zu viel Bedeutung beimessen, weshalb ich dringend das Thema wechseln musste, um auf andere Gedanken zu kommen. „Was brauchen wir noch?“, fragte ich.

 

Als bereits alle Einkäufe sicher im Auto verstaut waren, schlug Sarah sich die Hand vor die Stirn und seufzte genervt. „Was ist los?“, fragte ich und beobachtete dabei aus dem Augenwinkel, wie Caden den Laden verließ. „Ich muss nochmal schnell rein, ich habe was vergessen. Mom wollte, dass ich ihr noch eine Flasche Wein für ihre Kollegin mitbringe, die morgen ihren letzten Tag hat“, erklärte Sarah, während sie bereits losmarschiert war. Ich nahm ihre Erklärung gar nicht richtig war, sondern nickte nur abwesend. Caden hatte gerade seine Einkäufe verstaut, als er mich bemerkte. Er schloss den Kofferraum und drehte sich in meine Richtung. Einen Moment lang musterte er mich nachdenklich, dann drehte er sich um und stieg ein.

 

Auch wenn ich nicht gewusst hätte, worüber wir zwei uns hätten unterhalten können, war ich doch enttäuscht, dass er einfach so davon gefahren war. Kurz hatte ich gedacht, er würde vielleicht zu mir rüber kommen. Doch was hätte er schon sagen sollen, nachdem ich nicht mal auf seine Nachricht geantwortet hatte. Gedankenverloren öffnete ich unseren Chat. Erneut las ich seine Nachricht. Wieder und wieder. Es lag bei mir, hatte er gesagt, doch hatte ich eigentlich eine Wahl? So gern ich mich auch von ihm fernhalten wollte, weil ich wusste, dass das nur zu weiteren Problemen mit Josh führen würde - ich konnte es nicht. Und ich war mir sicher, dass er das wusste. Bestimmt hatte er deshalb nicht mehr das Gespräch mit mir gesucht, er wollte mich schmoren lassen. Er wollte, dass ich mir selbst eingestand, dass ich ihn wiedersehen wollte. Ja, ich würde mich bei ihm melden und ich würde ihm verzeihen, dass er eine Grenze überschritten hatte. Auch ich hatte diese Grenze überschritten und das wussten wir beide. Ab jetzt würde ich das nicht mehr zulassen. Ja, ich wollte Zeit mit Caden verbringen, aber ich musste eine gewisse Distanz wahren. Ich wusste, dass diese Entscheidung gefährlich war. Gefährlich für mich und Josh, aber vor allem gefährlich für mich und Caden, denn auch, wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, musste ich zugeben, dass er eine gewisse Macht über mich hatte, der ich nichts entgegenzusetzen hatte, wenn er in meiner Nähe war.