Verlassene Auserwählte

Ein Roman von Roman (Stufe 12)

 

Vorspiel

 

Schwacher Griff. Fall. Und Ruhe. Keine Erinnerungen mehr. Nur bittersüßer Nachgeschmack. Keine physischen Empfindungen.

So fühlte sich das neuangekommende Mädchen. Sie lag zwar auf dem Boden eines Raums, aber realisierte es nicht. Sie wusste nicht, wer und wo sie ist. Ihr “Leib” existierte im Raum, jedoch was ist mit ihren Geist? Der Kontakt zwischen “Körper” und Geist ist da, nur das Physikalische scheint ausgeschaltet zu sein. Man hörte nur das Flüstern: “Agneth”.

 

Und jetzt ist das Bewusstsein da. Die Sehkraft, das Gehör und andere Sinne sind aktiviert. Das Mädchen schaute durch die Gegend; es war ein langer Flur mit vielen weißen Türen. Die Wände und der Boden waren schwarz gefärbt. Es gab kaum Licht, nur wenige Leuchter beleuchteten diesen Ort. Aufgrund mangelnder Beleuchtung konnte man nur den “Lichtteppich” - einen schwachen Strahl, welcher in der Mitte des Flurs einen Weg erkennen. Die an der Wand hängenden Bilder waren viel zu undeutlich, um sie beschreiben zu können. Das einzige, was das Mädchen im Inneren der geschmückten Bilderrahmen sehen konnte, waren ein paar menschlichen Figuren. Der Hintergrund war komplett schwarz. Als sie durch den Flur ging, überflog sie die Inhalte anderer Bilder mit der Hoffnung, dass auf denen etwas zu sehen sein könnte. Vergebens. Es waren nur schwarze Quadrate. Währenddessen fiel ihr ein, dass alle Türen mit drei Zahlen durchnummeriert sind. Die zweite auffallende Sache war: als sie von Ursprungsort nach links ging, stellte sie nach einiger Zeit fest, dass der Flur in diese Richtung unendlich lang ist. Danach ging sie in eine andere Richtung und sie hörte eine Stimme in ihren Kopf: “Der Raum 19.12 wartet auf dich, Agneth.” Nach diesem Moment fand sie eine Tür ganz am Ende des Flurs mit entsprechenden Zahlen. Diese Tür war ausnahmsweise weiß gefärbt, und als sie es bemerkte, verschwanden alle andere Türen. Es blieb also keine andere Wahl, und das Mädchen öffnete diese.

 

Vor ihren Augen erschien ein enorm großer Theatersaal. Die stufenförmigen Balkone auf jede Etage, tausende leere Plätze. Alles war in gold-roten Töne gefärbt. Die ganze Beleuchtung wurde auf die Bühne gerichtet, sodass im Saal selber kaum noch was zu sehen war. Das Mädchen konnte zwar noch einige Farben erkennen, jedoch die schwarzen Stufen des Saals waren nicht erkennbar. Deshalb ging sie sehr langsam und vorsichtig, damit sie nicht herunterfällt. Man konnte denken, dass hier irgendeine Theaterstück gespielt wird. Man konnte es denken, aber es gab kein Publikum im Saal. Keine einzige Seele außer dem Mädchen selber.

Aber, was ist das für ein Ort? Was wird gleich geschehen? Das ganze wirkte auf die junge Dame sehr bedrohlich und sie kehrte langsam mit dem Rücken voran zurück in die Richtung Ausgang, und bemerkte eine Sache, als sie das Ziel erreichte: die einzige Tür, die letzte Rettung für das Mädchen, ist nicht mehr da. Der Ausgang ist einfach verschwunden. Panik eroberte das Bewusstsein des Mädchens und sie begann chaotisch im Saal zu laufen, um den anderen möglichen Ausgang zu finden. Vergebens, egal wo sie suchte, fand sie nichts. Keine Tür. Kein Fenster. Nichts. Die junge Dame war nun in einem leeren Theatersaal eingesperrt. Hoffnungslosigkeit und Angst, Geschlossenheit und Gefahr - das empfand sie in diesem Moment.

 

Sie schaute den Raum an. Der ganze Saal war in roten und goldenen Tönen gefärbt. Rote Sesseln mit goldenen Lehnen bildeten drei große Reihen mit ca. 500 Sitzplätzen, welche vertikal von der Bühne aufgebaut waren. Weiße Balkone wurden mit goldenen Mustern und Lampen geschmückt. Zwischen Bühne und Parkettsitzplätzen befand sich ein Orchestergraben. Jedoch anstatt der Instrumente standen dort die abgedeckte Tische, auf denen irgendetwas Menschenförmiges lag. Das Mädchen fühlte sich noch unwohler als sie diese Tische angeschaut hatte. Intuitiv wusste sie schon, was unter die Decken liegt, ist nichts Gutes. Die Bühne wurde vor dem Blick des Fräuleins mit den roten Vorhängen versteckt.

 

Plötzlich wurde es im Saal komplett dunkel, was das Mädchen sehr erschrocken hat. Aus diesem Grund blieb sie stehen, da sie nichts sehen und sich nicht orientieren konnte in der Dunkelheit. So verschärften sich die Einsamkeit-und Ausgeschlossenheit in der Seele des Mädchens. Die Situation wurde immer schlechter und schlechter bis die hohe Mädchenstimme aus der Dunkelheit klang:

“Agneth! Da bist du!” - das Licht wurde angemacht. Auf der Bühne stand das andere blondhaarige Mädchen. Als Agneth sich umgedreht hatte, kommen einige Erinnerungen zurück: das auf der Bühne stehende Mädchen war ihre beste Freundin - Celina Richter. Sie war eine der wenigen Menschen im Internat, die Interesse an Agneths Talent zeigten und sie moralisch unterstützten. Celina hatte aber mehr Glück gehabt, als ihre begabte Freundin: Im Alter von 15 Jahren wurde sie von einer reichen Familie adoptiert und seitdem haben sie sich nicht mehr getroffen. Das Mädchen konnte kaum glauben, wen sie sieht. Sie war von Erstaunen paralysiert. In der Zeit ging Celina schon zu ihre Freundin durch Orchestergraben. Nach einigen Minuten haben sich die Freundinnen umgearmt.

 

“Lange nicht mehr gesehen, Agnethchen!” - sagte die Blondhaarige. Beide haben begonnen zu weinen. Es waren die Tränen der Freude nach langen Verabschiedung. Dieses Treffen war für Agneth in diesen Umständen sowas wie eine Rettung. “Na, wie geht es dir?” - fragte Agneth. Celina antwortete nichts. So standen sie in der Mitte des Saals einige Minuten, und erst danach kam der Antwort: “Es ist egal. Du musst mir auch nichts aus deinen weiteren Leben erzählen. Nun, lass uns hinsetzen. Die Aufführung beginnt gleich” Gleich? Wieso denn gleich? Die Bühne ist doch schon längst vorbereitet. Außerdem, wo sind dann die Schauspieler und Zuschauer? Und warum standest DU auf der Bühne, nachdem das Licht wieder da war? Diese Fragen tauchten in Agneths Kopf auf. Die Merkwürdigkeit des Verhaltens ihrer Gesprächspartnerin weckte die Unruhe in der Seele des Mädels. Sie spielte das Gespräch zwischen ihr und Celina im Kopf ab, um zu feststellen, was genau in dem Verhalten ihrer Freundin falsch und so merkwürdig war. “Du musst mir auch nichts aus deinen Leben erzählen…” - den Satz wiederholte sie mehrmals in ihrem Gedächtnis. Genau an der Stelle gibt es etwas, was störend ist. Aber was? So. Warum möchte sie nichts über mich wissen? Weil sie schon alles weiß? Stopp. Was kenne ich über mich selbst? Was hätte ich ihr erzählen können, wenn ich selber nicht weiß, was mit mir geschehen ist? Warum erinnere ich mich an nichts?

 

Der bittersüße Nachgeschmack wurde sehr deutlich, sodass das Mädchen für einige Sekunden ihren Gedankengang verlor. Nachher versuchte sie, in ihren Gedanken die Antwort zu finden. Jedoch je tiefer sie in den Verstand eintauchte, desto mehr Fragen tauchte auf. Aber das Wichtigste, was sie während der Suche herausgefunden hat, ist ihr Alter. Eigentlich ist sie 18 Jahre alt. Und wenn sie ihren eigenen Körper und den der Freundin anschaute, dann stimmte irgendetwas nicht. Denn die beide Mädchen sahen aus wie zehnjährige Kinder. Aber sie war davon überzeugt, dass sie und Celina viel älter sein müssen.

 

Als Agneth diese Merkwürdigkeit bemerkte, war ihr Bewusstsein für einige Minuten ausgeschaltet. Direkt danach befand sich das Mädchen auf der Bühne mit zwei bedeckten menschlichen Silhouetten. Es standen auch drei Stühle, ein Tisch und ein Piano hinter der Dekoration. Hinter dem Mädchen erschien ein großer, schlanker Mann mit schwarzen langen Locken. Er war in schwarzem Frack gekleidet, das Gesicht war nicht zu sehen, da der Unbekannte eine Marmormaske trug. Auf dem Instrument lag ein Zylinder, welchen er genommen und auf seine Locken gesetzt hat. Dann nahm er einen von drei Stühlen und begann Fröhlingswaltz zu spielen. Gleichzeitig erwachen die Silhouetten: Unter der Decken waren zwei Erwachsene. Agneth schaute sie an und erkannte intuitiv in diesen Personen ihre Eltern, obwohl das Mädchen sich kaum noch an sie erinnern konnte. Vor allem an dem Vater. Zunächst wollte das Fräulein ihre Freundin im Saal wiederfinden, jedoch es gelang ihr nicht, da Celina einfach verschwunden ist. Agneth wollte sie unbedingt suchen gehen, aber auch das gelang ihr nicht. Der Grund dafür war dem Mädchen unbekannt. Es blieb also nichts anderes übrig als mitzuspielen.

 

Plötzlich hörte sie eine tiefe, grausame Stimme: “Sehr geehrte Damen und Herren! Nur heute haben sie eine einzigartige Möglichkeit, unsere Tragödie “Verlassene Auserwählte” zu genießen, denn heute ist die höchste Zeit dafür. Wir haben einen wichtigen Gast auf der Bühne stehen. Es ist eine begabte junge Komponistin mit unendlichen Potenzial namens Agneth Kusch! Verpasst nicht eure einzige Chance, eine faszinierende Veranstaltung persönlich anzuschauen!” - trotz abscheulicher Stimme klang die Durchsage sehr spannend und attraktiv. Es lag daran, dass der Sprechende die Intonation perfekt beherrscht. Jedoch zwei Sachen waren dem Mädchen unklar.

 

Erstens konnte Agneth das Geschlecht des Sprechenden nicht interpretieren, denn die Stimme klang weder männlich noch weiblich. Es war einfach nur eine sehr emotionale und gleichzeitig neutrale Durchsage. Die Gefühle, welche Agneth in diesem Moment spürte, lassen sich nicht mit menschlicher Sprache beschreiben. Man muss diese Ansprache mithören und mitfühlen, um diese Eindrücke nachvollziehen zu können.

 

Zweitens war ihr unklar, an wen diese Durchsage adressiert war, denn soweit sie wusste, gab es hier niemanden außer ihr, Celina und dem Mann, welcher die Fröhlingswaltz am Piano spielte. Sie wusste nicht genau, ob ihre “Eltern” lebendig waren. Es konnte auch sein, dass dort nur leblose Mannequins vor ihren Augen standen. Die erklärte aber nicht den Grund, warum sie hier auf der Bühne stehen. Und selbst wenn es nur die Mannequinis sind, warum sehen sie exakt gleich wie die Eltern des Mädchens aus?

Während dessen fiel Agneth noch eine dritte geheimnisvolle Sache ein. Diese dritte Unklarheit entstand aus den ersten zwei Fragen, und war in etwa eine Kombination aus diesen. Wenn sie schon an der Lebendigkeit der Stehenden zweifelte, dann konnte sie genauso erfolgreich an der realen Existenz des Sprechenden zweifeln. Man konnte auch denken, dass diese Durchsage nichts anderes als eine Audioaufnahme sei. Und dafür sprechen zwei Fakten: Zuerst bemerkte Agneth die merkwürdige Stimme des Sprechenden. Diese Idee fiel dem Mädchen beim ersten Mal gar nicht auf, weil ihr die Redeart des Sprechenden so natürlich und flüssig vorkam. Er sprach zwar nicht so ausgezeichnet und sauber, wie es bei einer Aufnahme nach hunderten Versuchen üblich ist. Es war aber auch keine chaotische Mischung aus Aufregung und Unruhe, was beispielsweise für Anfänger üblich ist. Wie gesagt, der Sprechende beherrschte die Kunst der Intonation sehr vorbildlich. Diese drei geheimnisvollen Sachen ließen die Seele des Fräuleins nicht in Ruhe. Um sich zu beruhigen, schloss Agneth ihre Augen und bereute diese Entscheidung ein Paar Sekunden später.

 

 

1. Akt

 

Als Agneth die Augen wieder öffnete, sah sie einen überfüllten Saal vor sich. Hunderte Leute liefen durch die Reihen, um die besseren Sitzplätze direkt vor der Bühne finden. Einige sprangen sogar von Balkonen herunter, um etwas Freies zu finden. Es herrschten völliges Chaos, Unordnung und Wahnsinn. Kein einziger Mensch war still und ruhig - diesen Eindruck hatte eine auf der Bühne stehende junge Dame. Sie konnte aber nichts über die Anzahl der Stillen sagen, denn alle Personen in Saal trugen die vollabdeckenden Masken auf ihren Gesichtern. Woher kommen sie alle? Ich war doch eben alleine! Und nachdem ich Celina begegnete, geschahen nur merkwürdige und unerklärbare Ereignisse. Ich weiß auch nicht, wo dieses Mädchen ist.

 

Während des entstehenden Chaos im Saal begannen die auf der Bühne stehenden Personen irgendwas zu sprechen. Agneth konnte ihre Reden aber nicht hören, da es im Raum viel zu laut war. Sie schaute zweifelhaft auf den Boden und ihr fiel auf, dass sie in ein schwarzes Abendkleid gehüllt war. Wie diese Umkleidung geschah, wusste sie nicht. Erst nach circa zehn Minuten wurde es still. Plötzlich begann die “Poloniase in F” von Chopin zu erklingen. Der Spieler dieses Stücks sowie das Instrument waren irgendwo versteckt. Oder Agneth bemerkte die Quelle der Musik nicht.

 

Agneths Mutter hat sich auf den Stuhl hingesetzt und schaute ihren Mann an. “... wie du bist schwanger?”- fragte der Mann kalt und gefühlslos. Die Frau saß still und schaute den Mann mit Tränen in den Augen an. “Du kannst ja nicht von mir schwanger sein. Das weißt du doch. Ich sagte es dir noch am Anfang unserer Beziehung, und du hast meine Unfruchtbarkeit akzeptiert. Jetzt lügst du mich an und sagst, dass du niemanden außer mir geliebt hast, obwohl du schwanger bist.” “Es ist aber die reine Wahrheit!” - die Frau begann zu heulen. “Lüg mich nicht an Weib. Entweder brichst du die Schwangerschaft ab und kommst mit mir nach Amerika, oder du wirst mit dem Kind alleine sein. Ich werde dir auch nicht helfen. Entscheide dich.” - die Stimme des Mannes blieb immer noch gleichgültig und kalt, aber in seinen Augen traten kleine Tränen auf.

 

“Aber es ist doch ein Wunder! Marcus, ich habe dich nicht betrogen! Gott ist mein Richter und Zeuge! Ich liebe niemanden außer dich! Niemanden! Und ich bin mir sicher, dass dieses Kind von dir ist! Bitte bleib! Ich bitte dich Marcus, bleib! Wir können einen Vaterschaftstest machen, nachdem das Kind auf die Welt gekommen ist. Ich bin mit allem einverstanden! Aber bleib bitte bei mir! Ich bitte dich!” - die Frau umarmte ihren Geliebten und hielt ihn fest, weil er unbedingt rausgehen wollte. Und nach einer Weile hat er das getan. “Du beziehst dich auf Gott und sagst, er sei dein Richter und Zeuge. Du sagst, deine Schwangerschaft sei ein Wunder. Aber es sind keine Fakten. Du kannst tausend Mal auf die Bibel und Gott schwören. Dennoch werde ich dir nicht glauben. Und du weißt warum. Ich wiederhole es: Abtreibung oder Einsamkeit und Armut.”

 

“Bitte Marcus! Bitte! Vielleicht haben sich die Ärzte vertan! Vielleicht kannst du doch Kinder haben! Ich weiß, dass meine Sicherheit etwas…”

“Wertlos ist deine Sicherheit. Ich wiederhole es noch ein Mal: Abtrei…” 

“Hör mich bitte, Marcus! Sei nicht so kalt! Ich weiß, dass du ein netter Mensch bist...”

“Ja, ich war nett zu dir. Aber…”

“Aber was? Ich habe dich nicht verraten! Bitte, meine Liebe… Lass uns einen Kompromiss finden… Das Kind wird geboren und nach dem Vaterschaftstest werden wir entscheiden, was wir tun. Wenn das Kind nicht von dir ist, dann lassen wir es hier im Krankenhaus und verschwinden. Wir werden dann ein schönes Leben in Amerika haben. Und wenn du doch der Vater bist…”

“Das kann nicht sein. Abtreibung oder…”

“Das Kind ist doch unschuldig!!!” - diesmal schrien beide Frauen auf der Bühne.

 

Agneth beobachtete die ganze Situation von außen und war schon kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Sie fühlte sich in diesen Moment noch schlimmer als ihre Mutter. Denn dieses Gespräch ist für Agneth lebenswichtig, obwohl sie schon das Ende wusste. Dennoch hatte sie sehr viel Angst vor der Entscheidung ihrer Mutter. Andererseits hatte sie tierische Neugier, ob Marcus tatsächlich ihr Vater ist. In nächster Zeit schrien die beiden Frauen in Union und sagten exakt gleiche Wörter: “Warum bist du so grausam? Das Kind ist noch nicht auf der Welt und du möchtest jetzt schon, dass es stirbt! Du weißt nicht, ob es mit dir verwandt ist oder nicht! Du weißt auch nicht, was es für eine Person sein wird! Du willst ihm keine Chance geben! Was hat es dir angetan?! Antworte mir, Marcus!” - Marcus hat sich auch auf den Stuhl gesetzt und schaute seine Frau mit nassen Augen an. Kleine Tränen flossen über sein Gesicht.

 

“Hör zu” - die Stimme des Mannes zitterte. Er klang viel unsicherer und schwächer als je zuvor. “Ich liebe dich. Ich liebe dich über alles. Ich… ich kann dir verzeihen. Ich werde diesen Fall irgendwann vergessen. Ich werde dich mit nach Amerika nehmen und dort ein schönes und glückliches Leben haben. Aber ich kann nicht diesem Kind, dem Produkt des Verrats, verzeihen. Selbst wenn du es hier im Kinderheim lässt, wird er irgendwann von dir erfahren und sich mit dir treffen wollen. Die Existenz dieses Kindes wird mir noch mehr Schmerz bereiten als deine Affäre. Deshalb möchte ich die Abtreibung dieses Kindes. Und jetzt entscheide dich: Ich oder das Kind?” - Agneth und ihre Mutter schauten Marcus erschrocken an.

 

Teilweise konnte das Mädchen die Gefühle des Mannes nachvollziehen. Obwohl seine Frau mit jemand anderem Spaß hatte, ist er bereit, diese Sünde zu vergeben. Sie konnte auch die Motive der Abtreibung verstehen. Dennoch würde sie das Kind (in diesem Falle sich selbst) leben lassen und einen Vaterschaftstest machen, falls die Ärzte doch einen Fehler gemacht haben. Jedoch war für Marcus die medizinische Untersuchung wie ein heiliges Dogma für die religiöse Mutter des Mädchens. Dieses Dogma, woran die Frau glaubte, kennen alle: Die Abtreibung ist verboten, da der Mensch das Leben des anderen Menschen nicht nehmen kann. Agneth konnte beide Positionen verstehen, aber der Fakt ist: in diesem Dialog handelte es sich um ihr Leben, was ihr die Fähigkeit, objektiv zu bleiben, entzieht. Wenn ihre Mutter sich doch für die Abtreibung entscheidet, dann ist Agneths Leben vorbei. Sie wusste aber schon, dass sich die beiden Personen voneinander trennen werden.

 

“Wie kannst du sowas sagen?”- sprach die Mutter leise. “Wie kannst du nur deinem Kind den Tod wünschen?” - sie begann zu zittern und schloss mit ihren Händen den Mund des Mannes. “Ich weiß, was du gleich sagen wirst. Mir ist es egal, ob du mir glaubst oder nicht. Ich wiederhole es: Wie kannst du deinem Kind den Tod wünschen? Das ist dein Kind. Und wenn du mich wirklich geliebt hättest, hättest du auch die Geburt dieses Kindes akzeptiert und danach deine Vaterschaft überprüft. Jedoch zeigt mir dein jetziges Verhalten, dass ich nicht deine Geliebte bin, sondern dein Privateigentum. Ich bin kein Mensch, keine individuelle Person, sondern nur eine Sache. Deine Wörter haben mir die Augen über deine Person geöffnet. Und weißt du was? Ich bin enttäuscht von dir, Marcus. Ich bereue den Tag, an dem wir uns kennengelernt haben. Du bist einfach nur ein Egoist. Du denkst nur daran, dass dein männlicher Stolz nicht verletzt wird. Du bist ein Jäger. Und ich bin für dich eine Trophäe. Ohne eigenen Willen und Verstand. Ich werde sogar schlimmer als ein Haustier behandelt, denn die bekommen wenigstens Liebe von ihren Wirten. Und ich bin ein Fell für dich. Du nutzt mich als ein Teil der Deko für dein Haus und dein Bett aus. Du zeigst mich stolz deinen Freunden und sagst: “Hier! Das ist meine Beute! Die habe ich selbst gefangen!” Und dieses Verhalten willst du mir als Liebe verkaufen? Dann hast du mich unterschätzt.” - nach dieser langen Rede verschwand das Zittern. Die Stimme wurde immer sicherer und kälter. Die Mutter stand auf und stellte sich dem Mann gegenüber. “Und nun höre ganz genau zu. Ich werde das Kind nicht abtreiben… Denn das ist mein Kind. Und ich will, dass es auf diese Welt kommt!”

 

“Hör zu. Du weißt, dass dieses Kind dein Leben zerstören wird. Du weißt, dass dieses Kind ohne Vater aufwachsen wird. Du weißt auch, dass deine Familie unsere Trennung und deinen Egoismus nicht akzeptieren wird. Du bleibst also ganz alleine. Aber ich weiß, dass du die Einsamkeit nicht ertragen kannst. Und du wirst dieses Kind abtreiben. Nicht nur, weil ich es will, sondern weil es für dich notwendig sein wird. Ich werde deinem Vater erzählen, dass du ständig mit anderen Männer warst und x nicht weißt, wer der Vater dieses Kindes ist. Und dann bereust du deine jetzige Entscheidung.” Marcus Stimme klang sehr wütend und bedrohlich. Er kam viel näher zur Frau und griff ihren Hals. “Und falls du dich doch entscheidest, gegen meinen Willen zu protestieren, wird dich keiner aus deiner Familie unterstützen. Ich befehle dir also: Breche deine Schwangerschaft ab.”

 

Der Mann begann, die Kehle der Mutter zu drücken. Zum Glück schaffte er es nicht, sie zu erdrosseln, denn die Frau schlug Marcus mit ihren letzten Kräften, sodass er Elisabeth aus dem Griff losgelassen hat und in einen stehenden Tisch hineingefallen war. Der Tisch und einige Rippenknochen des Mannes wurden dadurch gebrochen. Die Mutter atmete sehr schwer und suchte mit dem Blick ein Objekt für ihre Selbstjustiz, falls Marcus angreift.

 

“So, lieber Marcus. Ich empfehle dir, möglichst schnell aus meinem Leben zu verschwinden. Es reicht mir mit der Bedrohung und Chantage“, schrie sie. “Ich sage es zum letzten Mal: das Kind wird auf die Welt kommen, egal, was mit mir passiert! Für mich ist die Meinung meiner Familie völlig unwichtig. Und noch unwichtiger ist für mich, was du davon hältst. Du hast nur mir dein wahres Gesicht demonstriert. Deshalb bitte ich dich, mich für immer zu verlassen! Du kannst alles tun, was du möchtest. Aber lass mich jetzt in Ruhe!” Marcus stand während der Rede auf und drückte dabei die Stelle an der linke Seite, wo die unteren Rippen sind, zusammen. Sein Blick war noch wütender als je zuvor. Er spuckte Blut aus und brüllte: “Und das ist deine Antwort auf meine Liebe? Deine Dankbarkeit? Ich halte mein Wort und ruiniere deine Reputation in den Augen deiner Verwandten, denn du weißt genau, wie wichtig ich für sie bin. Sie warten auf unsere Hochzeit! Und sie werden alles tun, damit wir wieder zusammenkommen. Deshalb sei nicht so…”

 

“Ich werde nie wieder mit dir zusammen sein”, unterbrach ihn die Frau. “Über welche Liebe redest du? Wenn du es vergessen hast, jeder Mensch besitzt einen Namen…”

“Unterbrich mich nicht, du verfluchte H…!”, schrie Marcus.

“Mein Name ist Elisabeth!”, schrie die Mutter und gab ihrem ehemaligen Geliebten die zweite Klatsche. Marcus erwiderte und schlug Elisabeth mit der Faust ins Gesicht. Die Mutter fiel auf den Boden mit blutender Nase und fing an zu heulen.

“Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du öfter meinen Namen sagen. Du wärst viel weicher zu mir...“, murmelte Elisabeth leise.

“Du hast mich verraten! Meine Liebe, mein Herz wurde mit dem giftigen Messer zerschnitten! Wie soll ich bitteschön deinen Namen aussprechen, wenn dies wehtut?! Antworte mir!”

“Ich habe dich niemals verraten. Ich war dir treu. Und ich bin davon überzeugt, dass ich dein Kind in mir trage.”

 

Die beiden Personen schwiegen und bewegten sich nicht für eine Weile. Agneth konnte nicht mehr weinen, weil ihre Augen schon rot und ausgetrocknet waren. Dabei empfand das Mädchen viel Schmerz, wenn seltene Tränen wieder in ihren Wangen flossen. Marcus schaute Elisabeth zu und sagte wieder kalt und gleichgültig: “Genug davon. Ich habe dir die Rettungschancen gegeben. Und du hast diese nicht wahrgenommen. Schade. Ich frage mich nun: Wie kann man so stur und zickig sein? Wieso kannst du nicht einfach die Wahrheit sagen?”

“Bin ich stur und zickig? Bist du sicher? Ich glaube, du bist der Einzige von uns beiden, der die Wahrheit nicht hören will. Verstehe mich endlich, ich lüge nicht, ich sage die Wahrheit. Glaub mir, Marcus.” Der Mann stand reglos da und sagte nichts. Agneth ging zu ihrer Mutter und gab ihr ein Taschentuch. Sie hat es zwar genommen, jedoch war Elisabeths Blick sehr komisch. Sie schaute Agneth so an, als ob sie durchsichtig oder gar nicht da wäre. Das schockierte das Mädchen und sie ging zur Seite, blieb aber nah an ihrer Mutter.

“Dann, viel Spaß in Einsamkeit.”

 

Marcus hat sich umgedreht und ging in die Richtung der Kulissen. Agneth wollte ihn abhalten, um zu wissen, ob er tatsächlich ihr Vater war. Das gelang ihr aber nicht, denn nach der Berührung seiner Schultern verschwand er. Das einzige, was das Mädchen über ihn erfahren hatte, war sein Tod. Für kurze Zeit hatte Agneth ein Bild im Kopf: Auf einer Nebenstraße Brooklins lag ein verfaulter, mit dem Tuch bedeckter Körper, welcher schon von Fliegen besetzt war. Drumherum standen Polizisten und führten ein Protokoll. Es waren noch keine Ärzte dabei, jedoch wurde der Grund des Todes jedem klar. Wenn man auf seinen rechten Arm (welcher nicht von der Decke bedeckt war) schaute, dann fielen viele schwarze Geschwüre im Bereich des Ellenbogens auf. “Junky”, sagte einer der Polizisten. Und in diesem Moment befand sich Agneth wieder auf der Bühne eines Theaters. Elisabeth rief nach Marcus und heulte dabei. Ihre Blutbegießung hörte nicht auf. Das Mädchen umarmte sie und sagte: “Mama, alles ist gut. Hörst du mich? Du bist nicht alleine! Ich werde dir immer helfen! Mama!”

 

Der Maskenmensch hörte auf, die Poloniase zu spielen, und stand auf. Er “schaute” beide Frauen an und ging nach vorne, an den Rand der Szene. “Was macht der Glaube mit dem Menschen,” sagte er plötzlich mit tiefer und gleichzeitig isolierter Stimme. Er stand zwar auf der Bühne, jedoch hörte sich seine Stimme so an, als ob er anstatt einer Maske eine dicke Eisentür trug. Seine Locken erinnerten Agneth einen Augenblick an schwarze Schlangen. Sie wusste nicht, ob das eine optische Täuschung gewesen war. Dies kümmerte sie auch wenig, weil ihre Mutter immer noch in einem hysterischen Zustand war. “Zwei absolut zueinander passende Personen trennen sich nur wegen eines medizinischen Fehlers. Sie konnten keinen Kompromiss finden, obwohl sie einander geliebt haben. Denn beide waren sture Fanatiker. Einer glaubte an die Wissenschaft und dachte, alles was die Gelehrten in weißem Kittel sagten, wäre hundertprozentige Wahrheit, weil sie ihre Argumente sachlich begründen konnten. Die andere dachte, dieses Kind sei das Geschenk Gottes und hatte zum Teil Recht. Ihre Tochter ist tatsächlich eine Auserwählte gewesen, jedoch begegneten Elisabeth drei Fehler. Sie wusste, dass Marcus nichts anderes als Fakten akzeptierte. Sie wusste auch über seine Unfruchtbarkeit Bescheid. Sie hat sich nicht auf dieses Gespräch vorbereitet. Sie könnte diese Trennung vermeiden, wenn sie die Spezialisten auf ihre Seite zieht. Sie tat es aber nicht. Sie bat nur Gott, damit er ihr hilft.

 

Aber, Entschuldigung! Wer ist sie, bitteschön?” In den letzten beiden Sätzen wechselte er die Intonation, sodass der bisher neutrale Bericht plötzlich heftig und sarkastisch klang. “Es gibt so viele Menschen, die noch mehr Hilfe Gottes brauchen! Warum soll Gott ihr weiterhelfen? Er hat ihr schon genug gegeben. Denn ein ganz besonderes, wichtiges Kind bekommen nur die gläubigsten und treuesten Frauen. Und Elisabeth war eine davon. Deshalb bezeichnete ich sie als eine Fanatikerin. Aber als Gott dieser Familie so ein besonderes Kind gab, hatte er keine Verpflichtungen mehr vor ihren Eltern. Das heißt, das Schicksal der Familie liegt auf den Schultern der Eltern. Und das Gespräch war die Verantwortung der Mutter. Aber sie konnte und wollte das nicht verstehen. Das ist der erste Fehler: Verneinung der Verantwortung. Der nächste Fehler folgt aus dem ersten: Sie konnte Marcus in der Familie behalten, wenn sie sich etwas ruhiger verhalten hätte. Wegen ihres Fanatismus und krankhafter Überzeugung stellte Marcus Elisabeths psychische Gesundheit in Frage. Wenn sie etwas ruhiger wäre, hätte sie ihn vielleicht überzeugt und damit die Familie gerettet. Nur ein kurzes, stressfreies Gespräch hätte gereicht, denn sie waren füreinander geschaffen. Die Liebe war in beiden Herzen… Aber der stärkste und sicherste Beschützer hat unsere Auserwählte verlassen. Selbst das ist noch nicht so schwer und tragisch, wie die Tat, welcher sie gleich begegnet…” Der Mann drehte sich um und ging ganz schnell zu Agneth. Er nahm ihre schwarzen Haare in die Hand und zog sie durch die ganze Szene bis zur Kulisse. Dann schmiss er sie auf den Boden und holte aus der inneren Tasche seines Fracks eine kleine Flasche mit purpurner Flüssigkeit, öffnete sie und goss diese in den Mund des Mädchens.

“Tut mir leid. Aber in diesem Akt wirst du nur stören”,  flüsterte der Maskenmensch. “Sei bitte ruhig und genieße unsere Show.” Direkt danach verschwand er in der Dunkelheit. In diesem Augenblick merkte Agneth, dass ihr Körper nicht mehr bewegungsfähig war. Sie hatte das Gefühl, dass irgendeiner ihre Körperglieder festhielt. Sie stand aber ganz alleine. Anscheinend war das Getränk, was er mir gegeben hatte, so etwas wie ein Betäubungsmittel. Aber was wird jetzt geschehen, da er mich als Gefahr für seine Show ansieht? Und… Was ist das?

 

 

2. Akt

 

Viele schwarze Figuren tauchten aus dem Boden der Kulissen auf und schwebten in Elisabeths Richtung. Gleichzeitig murmelten diese Schatten etwas. Am Anfang konnte Agneth nichts daraus hören, weil es viel zu leise und zu undeutlich war. Mit der Zeit hörte sie jedoch kleine Sprüche: “Wie konntest du nur mit ihm Schluss machen?” “Er war unsere letzte Hoffnung.” “Du warst unser letzter Schlüssel für Reichtum und Erfolg.” Die Schatten umkreisten sie und wiederholten ständig diese Sprüche. Die arme Elisabeth hielt die Ohren und Augen zu. Sie wollte nichts von diesen Schatten hören. Jedoch wurden sie noch lauter als zuvor. Dann versuchte die Frau, aus der Menge der Schatten wegzulaufen. Dies gelang ihr und jetzt stand sie vor dem Altar. Hinter diesem stand eine große Orgel. Elisabeth begann zu beten.

 

In diesem Moment traten zwei Personen auf. Eine war der alte Priester im Rollstuhl. Die andere war eine junge Nonne, die ihn begleitete. Der alte Mann schaute durch seine runde Brille die Verzweifelte an. “Was ist los, Kindchen?”, fragte der Alte. Das Mädchen antwortete nicht, da sie die Stimme des Mannes nicht hörte. Elisabeth war in ihre Gebete vertieft. Sie bat Gott um Hilfe und Kraft. Sie bat ihn, eine ihr verständnisvolle Person zu schicken. Sie konnte nicht mehr alleine gegen ihre Eltern und Verwandten kämpfen. Sie hat sich damals überschätzt, als sie noch mit Marcus zusammen sein konnte. Und jetzt bereut Elisabeth ihre damalige Entscheidung.

 

Doch es ist alles zu spät. Sie sitzt hier alleine in der Kirche und will nicht zurück nach Hause gehen. Denn sie hatte auch kein Zuhause mehr: Die Eltern, die sie von Geburt an nicht liebten, sind jetzt ihre schrecklichsten Feinde. Ihre älteste Schwester wurde schon so stark in die Weltansichten der Eltern einbezogen, dass sie sich nicht mehr ihre eigene Meinung bilden konnte und sie sagte immer das, was die Eltern hören wollten. Der zweitälteste Bruder verließ die Familie vor ein paar Jahren und meldete sich schon eine Weile nicht mehr. Er war ein richtiger Rebell in der Verwandtschaft. Zuerst erklärte er sich zum Atheisten und verließ die Kirche. Dieser Schritt war sehr schmerzhaft für seinen Vater, denn sein Sohn war für ihn der Grund, ein stolzer Vater zu sein. Er war einer der Besten auf der katholischen Schule. Deshalb dachten alle, er sei sehr religiös und gläubig. Jedoch stellte sich später heraus, dass das nicht der Fall ist. Es ist wahr, dass er einer der Besten war. Aber genau deswegen zweifelte er an der Religion und dem Willen Gottes.

 

Die zweite und schlimmere Tat war die Sterilisation. Es geschah zwei Jahre nach der Trennung von der Kirche. Dieses Ereignis beeinflusste die Familie so stark, dass die Mutter für eine kurze Zeit ins Irrenhaus geschickt wurde. Der Grund dafür war ihr psychischer Anfall wegen des Ereignisses. Sie war so konservativ und fanatisch, dass sie die Tat des Sohnes nicht akzeptieren wollte. Ihrer Meinung nach sollten alle mindestens ein Kind haben, weil es eine Verpflichtung vor Gott sei. Außerdem werden die Kinder sicherlich ein Glas Wasser geben, wenn sie alt sind. Dieses Dogma war so stark in ihren Kopf eingeprägt, dass sie und noch einige weibliche Personen mit dem gleichen Gedanken eine Frau auf der Straße entführten, damit ihr Sohn sie befruchten konnte, obwohl es aufgrund der Sterilisation nicht mehr möglich war. Und als er von diesem Verbrechen erfuhr, rief er sofort die Polizei an, um weitere gefährliche Taten der Fanatiker zu vermeiden. Schließlich musste die Mutter zwei Monate im Irrenhaus verbringen und in der Zeit verließ der Bruder das elterliche Haus. Ganz am Anfang, nach dem Verlassen der Familie, versuchte er, Elisabeth moralisch zu unterstützen, da sie auch nicht mit den Eltern klarkam. Aber mit der Zeit brach er den Kontakt ab und sie blieb ganz alleine.

 

Was die jüngeren zwei Geschwister betraf, da waren sie auch eher so wie die älteste Schwester, aber sie hatten einfach Angst, ihre eigene Meinung zu äußern. Vielleicht verstanden sie Elisabeths Gefühle oder hatten sogar Mitleid mit ihr, jedoch zeigten sie das nicht. Durch den Unmut und die Angstgefühle ihrer Geschwister fühlte sich Elisabeth ausgeschlossen und einsam innerhalb der Familie. In der Gesellschaft und in der Stadt, wo sie lebte, gibt es auch keine einzige verwandte Seele, welche sie unterstützen konnte. Das dachte sie zumindest.

 

Der Priester berührte die Haare der Frau und erst jetzt bemerkte Elisabeth, dass sie nicht alleine war. “Was ist los, Kindchen?”, fragte der Alte noch einmal. Elisabeth schaute in seine Augen. “Vater”, sagte sie ganz leise. “Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich bin von meinem Geliebten verlassen worden, weil ich schwanger bin. Aber ich kann nur von ihm schwanger sein! Und er hat mir nicht geglaubt! Meine Eltern, Verwandte und Freunde denken, ich sei eine Lügnerin. Jedoch war ich ihm treu. Und jetzt bin ich ganz alleine, ohne Unterstützung und Ahnung, was ich mit meinem Leben tue. Ich weiß auch nicht, was ich mit dem Mädchen, das in mir existiert, machen werde. Wie werde ich sie erziehen? Meine Eltern akzeptieren sie nicht und werden mir dabei nicht helfen. "Bitte, sag mir Vater! Was soll ich tun?”

Der Priester seufzte und fragte: “Wieso hat dein Geliebter dir nicht geglaubt, Kindchen?”

“Weil er unfruchtbar ist. Obwohl das fragwürdig ist.”

“Und du bist dir sicher, dass du von ihm schwanger bist?”

“Ja. Denn ich habe mit niemandem außer ihm geschlafen.” Der Pfarrer und seine Begleiterin schwiegen. Elisabeth schaute die Beiden an.

“Haltet ihr mich jetzt auch für eine falsche Zunge?”, fragte sie mit einem etwas unsicheren und verzweifelten Ton.

“Nein, nein! Auf gar keinen Fall!”, antwortete der Alte. “Ich habe nur an die Heilige Maria gedacht.” Der Pfarrer lächelte. Die Nonne schaute das Mädchen schweigend an.

“Und was hältst du von mir, oh du Ehefrau Christi?” In Elisabeths Worten hörte man ein wenig Neid und Sarkasmus. Die junge Frau reagierte nicht.

“Nimm das nicht übel, Kindchen.” Der alte Mann schaute die junge Nonne an. “Ich glaube, sie hat dich nicht verstanden. Sie kann weder hören noch reden, weil sie aus Jugoslawien kommt. Ich weiß leider nicht den Grund für den Hörverlust, aber ihre Fähigkeit zu sprechen und zu hören entnahmen die Briten mit geheimnisvollen Geräten. Außerdem glaube ich, dass sie kein Deutsch kann. Wenn sie sich mit einem serbisch sprachigen Menschen “unterhält”, dann liest sie seine Lippenbewegungen und antwortet schriftlich. Jedoch kann sie es bei uns Deutschen nicht tun, da sie wahrscheinlich kein einziges Mal unsere Sprache gelernt oder gehört hat. Also, sei nicht sauer, Kindchen”.

“Kommt sie aus Jugoslawien? Wieso ist die denn eine Nonne? Soweit ich weiß, haben Jugoslawen verschiedenste Religionen.”

“Und das ist tatsächlich so. Aber Katharina ist katholisch, deshalb durfte sie hier ausnahmsweise Nonne werden. Es ist aber inoffiziell, weil sie ein Flüchtling ist. Und ich habe nicht genug Geld, mir eine qualifizierte Pflegerin anzustellen.”

“Aber wie und warum ist sie nach Deutschland geflohen? Warum nicht in eines der anderen Balkanländer?”

“Das kann dir keiner sagen, Kindchen”, seufzte der Alte. “Aber du stellst zu viele Fragen, die mit deinem Problem nichts zu tun haben. Also, du hast deinen Geliebten verloren, weil er dir nicht glaubte. Und du bist davon überzeugt, dass es sein Kind ist, oder?”

“Ja, bin ich.”

“Und keiner wird dich unterstützen?”

“Tatsächlich, keiner.”

“Herzlichen Glückwunsch, Kindchen! Du wirst nicht alleine sein! Ich werde dir weiterhelfen, soweit ich kann. Denn das Kind, dein Kind, ist etwas Besonderes. Es wurde vom Himmel ausgewählt. Dieses Kind ist heilig, denn genau es wird den Antichristen besiegen und die Unterstützung für die Menschheit sein.”

“Woher wissen Sie das?”

“Es gab eine uralte Prophezeiung eines Bischofs, welcher vor 500 Jahren hier lebte. Und er sah in einem Traum, dass der Nachfolger Jesu aus dieser Stadt kommen wird, um Antichristen zu liquidieren und in die ewige Verbannung zu schicken.”

“Nachfolger Jesu? Ist das nicht etwas übertrieben?”, fragte die junge Frau skeptisch nach.

“Das mag sein, Kindchen”, bestätigte der alte Priester. “Aber glaube mir, das wird ein ganz besonderes Kind sein. Und unser Treffen ist der Wille Gottes, denn ich soll dich unterstützen, soweit ich kann. Also sei Gott dankbar. Er hat deine verzweifelten Gebete gehört. Du kannst hierhin jederzeit kommen.” Das Mädchen umarmte ihn und nach einiger Zeit ging sie weg.

 

Als Elisabeth die Kirche verließ, wechselten auf einmal die Dekorationen auf der Bühne. Anstatt der kirchlichen Requisiten gab es nun die Aufteilung der Bühne in zwei Teile. Auf der linke Seite standen Katharina und der alte Priester. Oben, über den Köpfen der beiden Personen, hing ein großes silbernes Kreuz. Auf der anderen Seite standen die schwarzen Gestalten, die auf Elisabeth warteten. Es gab kein Zeichen wie bei der linke Seite. Stattdessen brannte die zweite Hälfte mit zunehmenden Flammen. In der Mitte stand Elisabeth selbst und konnte sich nicht entscheiden, wohin sie gehen soll. Nach einigen Minuten entschied sie sich, zu den schwarzen Silhouetten zu gehen, jedoch bereute sie diese Entscheidung sofort. Die Gestalten begannen wieder zu murmeln. Diesmal wurden die Sprüche heftiger: “Du kleine Dirne…”, “Die Gottlose...”, “...schon wieder mit einem anderen?...”, “... du wirst zu unsere Familie nicht gehören…”, “mache doch lieber die Abtreibung, Schwesterchen!”. Elisabeth brach zusammen und fing an zu weinen. Das Flüstern wurde immer lauter. Letzen Endes konnte das Mädchen doch alles hören, obwohl sie ihre Ohren mit den Händen geschlossen hatte. Schließlich lief sie weg, auf die Seite des Priesters. Während dieser Zeit beruhigte sich die bisher wilde blaue Flamme, die auf der Schattenseite herrschte.

 

Plötzlich begann der Maskenmensch, die Tokkatta zu spielen. Elisabeth lief mehrmals hin und her. In der Zeit wurde ihr Bauch größer, bis sie einschließlich ein Kind in weißen Kleidern auf ihren Händen trug. Die Beleuchtung wechselte die ganze Zeit, als ob es die Sonne war. Für kurze Zeit gab es gar kein Licht auf der Bühne, was die Nacht symbolisierte. Das Ganze geschah innerhalb von zehn Minuten, aber die Abwechslung war enorm schnell. Die Dekos im Hintergrund, wie z.B. die gelben Blätter verschiedenster Bäume oder künstlicher Schnee, blieben etwas länger auf der Bühne als die Beleuchtung.

 

Irgendwann tauchte die zweite Person mit der Maske auf. Er war genauso wie Marcus bekleidet, jedoch hatte er eine ganz andere Körpergestaltung als ihr ehemaliger Verlobter. Diese Person war enorm muskulös und sehr breit. Auch seine Größe war schon übermenschlich. Agneth konnte nur raten, was dieses Geschöpf sein könnte.

“So sind fast drei Jahre vergangen.”, sagte die Person mit ungewöhnlicher Stimme, die Agneth kurz vor der Aufführung hörte. Diese weder männliche noch weibliche Stimme, welche man sich nicht vorstellen konnte, bevor man sie hörte.

“Unsere kleine Auserwählte war drei Jahre alt, als sie ihren zweiten Beschützer verlor. Ihre Mutter, Elisabeth, schaffte es nicht, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie fühlte sich trotz der Unterstützung des Priesters und lebender Tochter immer noch einsam und verlassen. Das Mobbing und gegenseitiger Hass von der Seite der Eltern verstärkten sich mit den Jahren. Besonders schlimme Verhaltensveränderungen geschahen nach der Geburt des Kindes.”

 

In diesem Moment wurde die Flamme etwas leuchtender. “Und Elisabeth hat sich fast daran gewöhnt. Sie konnte schon mit dem ganzen Stress klarkommen. Aber es geschah ein unerwartetes Unglück.” Der letzte Satz wurde mit einer besonderen Heftigkeit betont. Das silberne Kreuz und die linke Seite der Bühne begannen zu brennen. Die Nonne und der Priester standen reglos da, als ob nichts passiert sei. Elisabeth stand mit dem Rücken zur linken Seite und hielt sich die Ohren zu, weil die schwarzen Figuren wieder etwas flüsterten. Erst nach den Verbrennungen der Nonne haben die Gestalten aufgehört, ihre Flüche auszusprechen. Elisabeth drehte sich um und sah das brennende Gesicht des alten Priesters. Nebenan lag die gekleidete Puppe, die den Staub der verbrannten Nonne darstellen sollte. Nach einer Minute verwandelte sich auch der Körper des Alten in eine Puppe und fiel auf den Boden. Agneths Mutter stand in der Mitte der Bühne und vor ihren Augen tauchten zwei, oder besser gesagt drei Objekte auf: ein dreijähriges Mädchen und ein Hocker mit hängenden Seile. Elisabeth nahm die Hand des Mädchens und begleitete sie bis zu den Kulissen.

 

“Mama”, sagte die Kleine. Agneth begleitete die beiden mit dem nassen Blick. Sie wusste schon, warum und wohin sie mit ihrer Tochter geht.

“Was ist, Schatzi?” Elisabeths Stimme klang sehr gefälscht, sie versuchte zwar, nett zu sein, aber als Erwachsener konnte man aus ihrer Intonation die Trauer und die Leblosigkeit raushören.

“Mama, versprichst du mir, immer bei mir zu sein? Ich liebe dich über alles!!!”

“Ja Schatzi. Verspreche ich. Und ich liebe dich auch.” Elisabeth ließ das Mädchen in ein Zimmer alleine reinkommen. “Kannst du bitte hierbleiben, Schatzi? Ich komme gleich.”

“Mama, kommst du schnell zurück? Ich habe Angst.”

“Ja, Schatzi, ich komme so schnell wie möglich zu dir. Du brauchst keine Angst zu haben. Ich schließe die Tür zu, und kein einziger böser Mensch wird dich stehlen. Denn du bist mein größter Schatz auf dieser Welt.” Sie schoss die Tür zu und ging zurück zur Bühne.

 

“Oh lieber Gott! Ich bitte dich und dieses Kind um Verzeihung. Das, was ich tun werde, gilt in der Kirche als die größte Sünde! So sagte zumindest der alte Priester, der mich die letzte Zeit unterstützte. Er sagte mir auch, dass meine Eltern und die Verwandten so gut wie gar nicht religiös sind, denn sie wünschten meinen Tod. Selbst mein Bruder, den ich seit Ewigkeit nicht mehr gesehen habe, ist in seiner Meinung viel menschlicher und näher an Gott, obwohl er auf die Familie und Kirche verzichtete. Auch sagte der alte Priester, du seist gerecht und fair… Aber…” Die Stimme der Frau begann zu zittern. “Aber wieso hast du sein Leben genommen?! Ich weiß, er war schon alt. Jedoch er hat nicht verdient, diese Welt durch die Verbrennung des Körpers zu verlassen!!! Er war doch kein schlechter Mensch!!! Aber du nimmst mir die letzte Hoffnung für dieses Leben weg! Selbst meine Tochter, die ich anfangs liebte, ist mir nicht mehr lieb!!! Ich bin genauso wie Marcus! Dieses Kind erinnert mich an ihn und ich kann damit nicht weiterleben!” Sie stellte sich auf den Hocker und zog die Schlinge um ihren Hals an. Die organische Tokkata und Fuga D minor gingen langsam zu Ende.

“Lebwohl, du verhasste Welt! Ich kann nicht hier leben! Ich will nicht mehr hier leben! Und ich werde nicht mehr hier leben.” Sie ließ den Hocker fallen.

 

Die Lähmung verschwand aus Agneths Körper und sie lief so schnell wie möglich, um ihre Mutter zu retten. Vergebens. Die letzten Krämpfe Elisabeths waren identisch mit den letzten Akkorden des gespielten Werks. Agneth versuchte, sie zu retten, aber es war schon zu spät. Sie zog die Leiche aus der Schlinge und schaute in die Augen ihrer Mutter.

 “Wieso hast du dein Versprechen nicht gehalten, Mama? Wenn du mich gehasst hast, dann hättest du dieses Versprechen gar nicht geben sollen.”

“Ich habe dich nicht gehasst, Schatzi”, log Elisabeth.

“Du lügst, Mama”, sagte Agneth unter Tränen. “Du hast nie meinen Namen ausgesprochen. Du machtest und machst genau dasselbe wie mein Vater damals! Du lügst mich an und versuchst, deine Verachtung zu verbergen. Du hast deinen Hass unterdrückt und hast deine Liebe vorgetäuscht! Wegen dir habe ich nie die mütterliche Liebe gefühlt, weil du sie so schlecht gespielt hast! Aber meine Wörter, die ich dir damals sagte, waren wahr. Und dass wusstest du, da die Kinder in diesem Alter noch nicht wissen, was “lügen” heißt und wie man das tut!“ Die beiden Frauen schwiegen einen Moment.

“Du hast Recht”, sagte Elisabeth schließlich und verwandelte sich in eine Puppe.

 

Es wurde still im Saal. Der Maskenmensch stand auf und ging zu der Gestorbenen. Agneth schaute ihn wütend an und zischte:  “Was bist du, oh du unmenschliche Gestalt? Wo bin ich? Was ist das für ein Witz?! Warum sehe ich das alles?!”

“Du stellst zu viele Fragen, oh du weibliche Gestalt!”, sagte der Maskenmensch heftig. “Weißt du, wie es mich kränkt, wenn ich als “unmenschliche Gestalt” beleidigt werde? Ich sehe doch wie ein Mensch aus, oder? Warum bin ich dann unmenschlich?”

“Halte die Klappe! Ich will die Antworten wissen!”

“Oh je, wie unhöflich! Es ist gut, dass du neugierig bist. Aber du solltest dringend deine Manieren verbessern. Ich möchte, dass du dich beruhigst und die Fragen nacheinander stellst. Am liebsten atmest du ganz langsam ein und aus. Ungefähr zwei Minuten.” Agneth gehorchte.

“Wie nennst du dich?”, fragte sie kurz darauf.

“Die Frage scheint mir klein, für eine… Nein, Spaß. Ich denke, wenn ich dir sagen werde, was ich bin und wie ich mich nenne, wirst du mir nicht glauben. Denn du weißt und verstehst nicht wirklich, was mit dir geschehen ist. Das Einzige, was du dir dabei denkst, ist, dass die ganzen Ereignisse hier nicht real sind. Du denkst bestimmt, es sei ein Albtraum oder Halluzinationen. Ich muss dich leider enttäuschen: Alles, was hier geschieht, ist Realität, obwohl es dir nicht so vorkommt. Ich werde dir keine anderen Fragen beantworten, weil es dein alter Bekannter tun will”.