An der roten Ampel

 

Es war ein kalter Winterabend in Düsseldorf. Eine wunderschöne schwarzhaarige Frau mit himmlischen Augen ging aus der Apotheke, in der sie die Medikamente gekauft hatte. Sie musste sie täglich einnehmen, obwohl die Tabletten sie nicht heilen, sondern nur die Krankheit linderten. Dieses Fräulein hatte eine sehr schwere Krankheit bekommen, die noch nicht so lange erkannt worden war, und noch gab es kein Gegengift. Die Ärzte sagten ihr, dass sie nur noch zwei Jahren zu leben hatte. Als sie diese schreckliche Nachricht erfahren hatte, war die junge Frau nicht verzweifelt und nicht erstaunt. Der Grund ihrer Gleichgültigkeit waren die schlechten Ereignisse im Leben, die manchmal schrecklicher waren als die Nachricht über die unbesiegte Krankheit, die ihr Dasein nach zwei Jahren zerstören würde. „So ist das Schicksal“, dachte sie und ging durch die Straße bis zum Fußgängerübergang. Die Ampel zeigte Grün und die Frau ging einfach weiter.

 

Gleichzeitig fuhr ein alter Mann die Straße entlang. Er sollte schon längst bei einem Bankett sein. Die Geschwindigkeit seines Fahrzeugs war irrsinnig schnell. Der Alte guckte gar nicht auf die Ampeln und wollte so schnell wie möglich in der Halle sein. In einem Moment sah er eine Figur, die über die Ampel des Fußgängerüberwegs ging, und versuchte, sein Fahrzeug zu bremsen. Aber Glatteis und Schnee spielten eine böse Rolle und das Auto überfuhr die Frau. Ihr Körper flog ein paar Meter weiter und landete auf dem Asphalt. Der Fahrer verlor die Kontrolle und fuhr gegen die Ampel. Als alles vorbei war, machte der Fahrer die Tür auf und rannte mit einem Verbandskasten zum Fräulein, das auf der Autostraße lag und blutete. Der Körper des Mädels war schon lahmgelegt und fror ganz schnell. Ihr warmes Blut floss aus den Wunden und ihr Herz klopfte wie ein Hammer. Mit jeder Sekunde wurde der Schlag schwächer.

 

Auf einmal war sie schon in ihren Gedanken und saß im Kinosaal, in dem ihr Leben wie ein Film ablief. Am Anfang sah sie sich sofort nach der Geburt mit ihrer Mutter im Krankenhaus. Der Vater war schon längst in Amerika und wusste nicht, dass seine Tochter auf die Welt gekommen war. Drei Jahre später stand sie allein und guckte auf das Grab ihrer Mutter, die sich umgebracht hatte. Die Verwandten des Mädchens wollten von ihr nichts wissen und schickten sie in ein Kinderheim.

 

Noch ein Abschnitt ihres Schicksals: Sie war schon zwölf und keiner wollte sich mit ihr beschäftigen. Der Einzige, der ihr immer geholfen hatte, war ihr Musiklehrer, der ihr Talent entdeckt und ihr die Welt der Musik gezeigt hatte. Dieser Mann gab ihr die Hoffnung und den Traum. Nach ihrem Wiedersehen stellte sie sich das Ziel ihres Lebens vor, eine wunderbare Komponistin zu werden. Und dafür trainierte sie in den nächsten sechs Jahren ihr musikalisches Gespür und lernte, Musik zu komponieren. Dann wurde das Mädchen volljährig, zog von Duisburg nach Düsseldorf und absolvierte ein Musikstudium an einer Uni.

 

Der Film wurde beendet und jetzt hielt sich die Frau am Abhang ihrer Hoffnung. Ihre Augen kamen kurz wieder in die Realität und sie sah einen Mann, der vor ihr stand und jemanden anrief. Dann kam er zur ihr. Nun blickte die Frau sein Gesicht an. Jedoch füllte die Müdigkeit die Seele des Fräuleins. Dann ließ sie den heiligen Griff frei und fiel ins Nirgendwo runter, wo sie endlich Ruhe fühlte.

 

Der alte Mann rief den Rettungsdienst an und versuchte, das Opfer selbst zu retten, bis die Ärzte kamen. Er ging näher zum Fräulein und schaute ihr Gesicht an, das ihm bekannt vorkam. Da erinnerte er sich: Es war seine Schülerin aus dem Kinderheim, die sehr großes Talent gehabt hatte. Aber ihren Namen hatte er nicht mehr im Kopf. Dann nahm er die Binden und verband die Wunden, um die Blutung zu stoppen. Die Frau atmete noch, aber es war eine Frage der Zeit, dass ihr Herz nicht mehr schlagen würde. Plötzlich schloss sie die Augenlider, dann blickte sie ihn mit ihren himmlischen Augen an und erkannte den Alten. Die Tränen flossen über die Wangen der Frau. Das Letzte, was sie zur ihm sagte: "Endlich, mein Alptraum ist beendet." Und danach hörte das Herz des Opfers zu schlagen auf. Der Alte stand vor seiner Schülerin und weinte. Er wollte sie irgendwann wieder treffen, jedoch nicht heute. Der alte Lehrer guckte in leblose blaue Augen und erinnerte sich an den Namen: Agneth Kusch.

 

Roman (Stufe 12)

Dezember 2017 


Gespräch zwischen Gott und Teufel

 

Nacht. Jedoch der Himmel brannte mit blutroten Flammen. Das Armageddon kam auf die Erde: Jesus stieg vom Paradies auf die Erde herunter und fällte das letzte Urteil: Für alle Sünden, die die Menschheit beging, sind alle Menschen von der Erdoberfläche verschwunden, ohne die Möglichkeit zu haben, wiedergeboren zu werden. Sie gehören weder Paradies noch Hölle, da sie es einfach nicht verdient haben. Das Einzige, was der Mensch verdiente, ist absolute Leere, die die Menschheit mithilfe der Entwicklung und Technologie selbst erschaffen hatte. Niemand hatte Vorstellungen, was „innere Welt“ zu bedeuten hat. Nur Einzelne von sieben Milliarden verdienten einen Platz im Himmelreich. Nur Dutzende mussten zur Hölle fahren. Der Rest war verschwunden, ohne es zu begreifen. Nach dem Jüngsten Gericht verließ der Sohn Gottes die höllische Erde.

 

Doch sein Vater wollte unbedingt den Ort betrachten, wo seine Geschöpfe lebten. Als er die Erde betrat, erlosch die Flamme von der ganzen Erdkugel von selbst. Im selben Augenblick begann die Natur, sich wieder herzustellen: Alle Pflanzen wuchsen mit unglaublicher Geschwindigkeit. Der Schöpfer betrachtete diese Welt voller Trauer in seinen Augen. Er setzte sich auf den Thron, welcher hinter ihm sofort erschien. Der Alte war in einem weißen Mantel gekleidet, das Gesicht war schon mit sehr tiefen Falten bedeckt und er sah sehr müde aus. Aus seinen Augen flossen Tränen des Mitleids und Bedauerns um die menschliche Existenz.

 

“Warum ist das alles geschehen?”, fragte sich der Schöpfer leise.

“Du fragst noch? Das ist völlig klar! Weil die Menschen, trotz ihrer technischen Fortschritte unwissend waren!”, klang die tiefe Stimme. Der Schöpfer drehte sich in die Richtung, von wo diese Stimme kam, um deren Besitzer anzuschauen. Rechts vor ihm stand ein Jüngling mit kohlrabenschwarzem, langem Haar und kreideweißer Haut, der in einem schwarzen Mantel gekleidet war. Die roten Augen des Schwarzhaarigen schauten den alten Mann an. Die Hälfte der Welt, auf der der Jüngling stand, brannte sofort in blauen Flammen.

“Lange nicht mehr gesehen, Jehova, Jahwe, Allah. Wie viele Namen hast du eigentlich von den Menschen bekommen? Erinnerst du dich noch an deinen wahren, ursprünglichen Namen?”

“Nein, und du? Wenn ich mich richtig erinnere, hast du auch mehrere Namen: Satan, Lucifer, Shaitan. Wie soll ich dich nennen?”

“Um ehrlich zu sein, habe ich selber meinen Namen vergessen. Die Menschheit hat so oft die Geschichte verändert und durcheinander gebracht, dass sogar wir beide uns nicht mehr an die Wahrheit erinnern können… Nenne mich Satan, und ich dich Jahwe.”

“Wie du magst”, erwiderte Jahwe und schaute auf den auferstandenen Thron des Teufels, auf dem er sich hingesetzt hatte. Die beiden schwiegen einen Moment, dann setzte der Alte das Gespräch fort:

“Weißt du… Wenn wir hier alleine sitzen, dann tauchen einige Erinnerungen in meinem Kopf auf. Ich glaube, dass wir uns nicht auf das Gute und Böse aufgeteilt haben, sondern wir waren beide neutral. Wir beide haben die Menschen erschaffen… Von mir bekamen sie Geduld, Willenskraft und Charakter, von dir Verstand, Schönheit und Redekunst. Wir haben beide dafür gesorgt, dass es den Menschen gut geht. Aber als ein Verrückter sagte: “Gott ist das absolut Gute, und Teufel das absolut Böse”, wiederholte die Menge dies ständig, bis diese Lüge zur Wahrheit wurde. Sie waren nicht in der Lage, deine Gabe, den Verstand, zu benutzen, um nachzufragen, ob dieses Gerücht der Wahrheit entspricht. Ich habe tausend Mal mithilfe der Propheten und meines Sohns Jesus versucht, mit der Menschheit einen Kontakt aufzubauen. Aber es war alles umsonst. Sogar die heiligen Bücher wurden zu Gunsten der gierigen Herrscher umgeschrieben, damit meine Botschaften nicht in den Herzen der Menschen ankamen. In Wirklichkeit waren wir doch nur zwei Bestandteile der Welt, oder? Und der einzige, der das realisiert hatte, war Siddhartha Gautama.”

“Tja. Der Verstand schafft Leiden.” Satan lächelte schief. “Die Menschen besaßen so viel Fantasie und dachten alles Mögliche, was weder Ich noch Du gesagt haben. Wenn bei ihnen alles im Leben schiefging, dann beschuldigten sie mich oder baten um deine Hilfe. Sie konnten nicht akzeptieren und verstehen, dass der Ursprung aller ihrer Probleme sie selbst waren. Dafür hatten sie keinen Mut und Verstand. Und als diese Trennung in zwei Seiten geschah… Ich war sehr sauer und versuchte die ganze Zeit, diese Stereotypen zu zerstören, und wollte den Menschen das wahre Weltbild zeigen. Mein Ziel war, die Menschen dazu zubringen, meine Gabe - den Verstand - zu benutzen. Jedoch wurden der Wahnsinn und die Angst immer stärker im menschlichen Herzen. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich gehasst und als der größte Feind der Menschheit dargestellt. Alles, was die Menschen ungern hatten, schrieben sie meinem Gewissen zu. So entstanden alle möglichen Hexen, Vampire und andere Geschöpfe, welche ich angeblich erschuf. Ich hatte nichts damit zu tun. Was die heiligen Bücher betrifft, da stimme ich deiner Meinung zu. Die Menschheit war einfach nicht kontrollierbar.”

“Das sehe ich ein. Obwohl, ganz am Anfang wollte ich die Menschen erziehen…”

“Erziehen? Die ganzen Kataklysmen und andere große Katastrophen sind deiner Meinung nach auf Erziehung zurückzuführen?”, fragte Satan sarkastisch

“Na gut. Ich war jung und unerfahren. Du warst damals auch nicht besser. Also, du hast kein Recht, mir etwas vorzuwerfen. Und du hast mich unterbrochen.” Der Alte hustete. “Einige Propheten gründeten neue Religionen, damit es Frieden in der Welt gab. Aber am Ende führte das zu Blutvergießen. Einige “Priester” schickten die Gläubigen in heilige Kriege, um angeblich meine Ansichten zu verteidigen. Aber das Absurde war, die Begründung war von beiden Seiten gleich. Und jeder Krieger war sicher, dass ich ihn beschütze. In Wirklichkeit aber fuhren sie alle zur Hölle mit dem Gedanken, ich sei ein Verräter. Tausende, nein Millionen starben umsonst. Obwohl… Ich muss zugeben, dass es auch die großen Leute der Menschheit waren, welche mich beeindruckten. Sie haben letztendlich ihre Talente geweckt und ihre Lebensziele erreicht

“Verstehe. Nun sag mir aber, zu welchem Zweck hast du die Menschen erschaffen und wieso erst jetzt vernichtet?”

“Habe ich die Menschen erschaffen? Du irrst dich. Weder ich oder du haben sie erschaffen, sondern sie entstanden von Natur aus. Wir beide waren die Lehrer dieser Lebewesen. Aber nicht die Erschaffer. Und mit der Vernichtung der Menschheit hatte ich nichts zu tun. Sie sind in ihrer Lüge verfault, die sie selbst entwickelt und geglaubt haben. Der Verstand des Menschen ist so stark geschrumpft, dass sie offenbar unwahre Wörter von wahren nicht unterscheiden konnten. Und was die Seele betrifft… Über dieses Thema würde ich lieber schweigen…”

“Gut. Dennoch bin ich mit der Antwort auf die letzte Frage nicht zufrieden. Ich formuliere die Frage anders: Hättest du die Menschheit selber vernichtet?” Satans Blick wurde neugieriger und heftiger.

“Nein”, erwiderte Jahwe. In diesen Moment sah das Gesicht des Teufels sehr überrascht aus. “Wenn die Menschheit noch existieren würde, dann hätte ich sie nicht zerstört. Weißt du warum? Weil auf der Erde noch einige Menschen geblieben wären, die meinen Willen und Wörter in ihren Herzen getragen hätten. Obwohl… Wenn ich ehrlich bin, waren die Menschen für mich schon seit dem Einsatz der Atomwaffen uninteressant. Und ich habe sie nur vom Himmel aus beobachtet.”

“Alles in Ordnung.” Der Teufel stand von seinem Thron auf und im selben Augenblick verschwand dieser. “Wir müssen zurückkehren, bis hier eine neue Lebensart entsteht. Was wirst du im Himmel während dieser Zeit tun?”

“Ich werde warten. Und währenddessen werde ich mir das Schaltzeitalter durchlesen.”

“Also du wirst dieses schreckliche Buch wieder in deine Hand nehmen?”

“Ja, aber nur das  etzte Kapitel, das Schaltzeitalter, interessiert mich. Frag mich nicht, warum ich mich dafür interessiere.”

“Dann auf Wiedersehen, bis die Natur etwas Neues auf der Erdoberfläche entwirft.” Satan und sein Thron lösten sich in blauen Flammen auf.

 

Der Alte schaute die Erde das letzte Mal an und verschwand von dem Planeten. Im nächsten Augenblick stand er vor dem Blutfluss. In der Mitte dessen, auf einer Insel, stand ein Altar mit einem dicken geschlossenen Buch. Jahwe ging durch den Fluss hindurch und nahm dieses Buch in seine Hand. Dann öffnete er das Buch auf eine Seite, wo kein Text stand. Das Einzige, was man lesen konnte, war die Überschrift „Schaltzeitalter“.

 

Roman (Stufe 12)

Oktober 2017